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Montag, 12. Februar 2018

D. Kehlmann: Tyll (2017) - Besprechung


Gestern habe ich Kehlmanns Roman „Tyll“ (Rowohlt 2017) zu Ende gelesen. Nun frage ich mich: Worum geht es eigentlich in dem Roman? Die Hauptfigur ist Till Eulenspiegel (https://de.wikipedia.org/wiki/Till_Eulenspiegel), eine Figur aus einem Volksbuch, der im 14. Jahrhundert gelebt haben soll und von Kehlmann in den 30jährigen Krieg versetzt wird. Er bekommt eine schwere Kindheit und eine Gefährtin Nele und wird Hofnarr beim gescheiterten Winterkönig und seiner Frau Elisabeth; außerdem zieht er als Gaukler durch die Welt des Krieges, wird als Mineur verschüttet und lebt dann zum Schluss doch.
Das wird also erzählt – aber worum geht es in dem Roman? Das ist mir nicht klar geworden. Es geht am ehesten um ein bisschen von allem: um den Krieg, um Armut und Not, um Kämpfen und Überleben, um Macht- und Familienpolitik und Verhandeln, um Hexenverfolgung und intrigante Jesuiten, um Gelehrte (Olearius und Kircher, Karikaturen weltberühmter Gelehrter, Tesimond schon ziemlich fiktiv) und Soldaten. Das alles wird einigermaßen spannend erzählt, ohne sprachliche Ambitionen, dafür mit vielen Versatzstücken: beginnend beim Spruch aus dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, etwas Besseres als den Tod finde man überall, über die Ausschlachtung des bekannten Haufenparadoxes (https://also42.wordpress.com/2011/07/02/cohen-das-schiff-des-sorites-ratsel-8-das-schiff-des-theseus/ oder https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxie_des_Haufens), das hier „Körnerproblem“ genannt wird, das Vögelchen vom Blocksberg und die Umformulierung von des Kaisers neuen Kleidern, die hier als das leere Bild auftauchen, welches Lumpen und Nichtsnutze nicht sehen können. Im Roman erklärt Nele, wie in ihrem Kopf aus vielen bekannten Teilen ein Märchen entsteht: „fängt man einmal an, so geht es ganz von selbst weiter, und die Teile fügen sich zusammen, mal so und mal so, und schon hat man ein Märchen.“(S. 327) So ähnlich ist wohl auch Kehlmanns Roman „Tyll“ entstanden; da kann es dann auch zwei Versionen des gleichen Geschehens geben, etwa von Pirmins Tod, das fügt sich alles zusammen und ist auch nicht so wichtig.
Warum sollte man den Roman lesen? Dafür weiß ich keinen plausiblen Grund; eine zweite Lektüre lohnt sicher nicht – es ist also kein großer Roman, trotz der sich wieder überschlagenden Lobsprüche der Kritiker, sondern ein ziemlich solide gemachter, nicht mehr und nicht weniger.

Mittwoch, 17. Januar 2018

M. de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos - vorgestellt

Miguel de Unamuno: Das Leben Don Quijotes und Sanchos nach Miguel de Cervantes-Saavedra erklärt und erläutert. 2. Auflage 1913 (deutsch 1926 von Otto Buek).
Wenn man in den Wikipedia-Artikel (https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote) über den „Don Quijote“ schaut, sieht man, dass dieses große Buch viele literarische Neufassungen hervorgerufen hat. Zu diesen zählt auch das Buch Unamunos. Es läuft im wesentlichen darauf hinaus, daß man den Gelehrten, den Kritikern und Geschichtsschreibern die verdienstvolle und nützliche Aufgabe überlassen solle, festzustellen und zu untersuchen, was der „Don Quijote“ zu seiner Zeit und unter den Verhältnissen, in denen er geschrieben wurde, bedeutete, was Cervantes mit ihm hat ausdrücken wollen und was er wirklich in ihm ausgedrückt haben mag, - daß es uns dagegen freistehen müsse, sein unsterbliches Werk als etwas Ewiges, außerhalb jeder Epoche Stehendes und nicht an die Grenzen eines Landes Gebundenes zu betrachten und darzustellen, und auszuführen, was die Lektüre dieses Buches an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen in uns weckt und hervorruft. (…) Ich wiederhole, daß ich mich mehr als Donquijotisten, denn als Cervantisten fühle, und daß ich die Gestalt Don Quijotes von ihrem Schöpfer Cervantes selbst ablösen und befreien möchte (…). Denn ich glaube, daß auch die erdichteten Persönlichkeiten in dem Geiste des Autors, der sie erfindet, ihr eigenes Leben führen, eine bestimmte Autonomie besitzen und ihrer eigenen und innern Logik folgen, deren sich ihr Schöpfer selbst nicht immer ganz bewußt ist. (S. XIV) Das ist ein großes und gewagtes Programm Unamunos, welcher sich damit der Gefahr aussetzt, seine eigenen Vorstellungen für den ewigen Don Quijote zu halten. Solange man seine eigene Rezeption eines Werks für revidierbar hält, geht es noch an; sobald man sie für die ewige Wahrheit ausmacht, wird es riskant.
Unoamuno kommentiert also viele Kapitel von Cervantes' Buch bzw. von Don Quijotes Erlebnissen, Worten und Taten. An einem Beispiel möchte ich vorführen, was dabei herauskommt, am Satz des Helden: „Ich weiß, wer ich bin.“ Der Held kann von sich sagen: „Ich weiß, wer ich bin“, und darin liegt sein Kraft und zugleich sein Unglück. Seine Kraft, denn, da er weiß, wer er ist, braucht er niemand zu fürchten, außer Gott, der ihn zu dem machte, der er ist, - und sein Unglück, weil er auf dieser Welt allein weiß, wer er ist; und da die anderen es nicht wissen, so muß es ihnen so erscheinen – er mag tun und sagen, was er will –, als rührten diese Worte und Taten von einem Manne her, der sich nicht kennt, d.h. von einem Verrückten. […] Daher lebt der Held einsam und allein inmitten der Menschen, und diese Einsamkeit wird ihm zu einer Genossin und Gefährtin, die ihm Mut, Kraft und Stärke einflößt. […] Es genügt nicht, zu erklären: „Ich weiß, wer ich bin“, sondern man muß es wissen, und die Täuschung dessen, der so spricht und es dennoch nicht weiß, ja es vielleicht nicht einmal glaubt, wird sofort offenbar werden. […] Don Quijote aber dachte und überlegte mit seinem Willen, und wenn er erklärte: „Ich weiß, wer ich bin“, meinte er nur: „Ich weiß, wer ich sein will.“ Und hier liegt der Angelpunkt unseres ganzen Lebens: zu wissen, was der Mensch sein will. Es mag dich wenig anfechten, wer du bist; die Hauptsache muß für dich sein, zu wissen, was du sein willst. Das Wesen, das du bist, ist ein hinfälliges, vergängliches Geschöpf, das von Erde lebt und das die Erde einst wieder verschlingen wird; das Wesen, das du sein willst, ist eine Idee, die in Gott wohnt; ist das Bewußtsein des Alls, die göttliche Idee, dessen räumliche und zeitliche Erscheinung du bist. (Bd. 1, S. 74 ff.)
An dieser Passage zeigt sich, worauf Unamuno mit seiner idealistischen Interpretation der Figur Don Quijote hinaus will. Es zeigt sich zweitens, dass er dabei nicht davor zurückschreckt, den Text zu verändern. Und drittens ist das Ergebnis seiner Quijote-Interpretation: sein persönliches Lebensideal, interessant, aber vielleicht zu hoch gespannt. Gegen Unamunos Satz: „Ich weiß, wer ich sein will“, steht Mephistos Wort: „Du bist am Ende – was du bist.“ Ich halte es in dieser Frage lieber mit Mephisto, um mich nicht mit Unamuno auf ungreifbare Ideen Gottes berufen zu müssen. Dann kommt man nämlich dahin, wie Don Quijote und Ignatius von Loyola, zwischen dem und Don Quijote Unamuno öfter Parallelen zieht, die Entscheidung seines Pferdes für den Willen Gottes zu halten: Und als er nun an einen Kreuzweg gelangte, da überließ er die Entscheidung, welchen Weg er wählen solle, seinem Roß... Und es gefiel Gott, den Verstand des Rosses zu erleuchten, „so daß es den engen und ebenen Weg, den der Maure eingeschlagen hatte, verließ, und den wählte, der für Ignatius besser geeignet war“. Also verdankt die Gesellschaft Jesu ihre Entstehung der Eingebung eines Rosses. (S. 72)

Dienstag, 16. Januar 2018

Nossack: Dem unbekannten Sieger - Besprechung

Vierzig Jahre ist Hans Erich Nossack tot – und fast vergessen, obwohl er 1961 den Büchnerpreis bekommen hat. Gestern habe ich nach langer Zeit noch einmal „Dem unbekannten Sieger“ (1969) gelesen; vor Jahrzehnten war ich von dem Buch begeistert, heute lese ich es mit einigen Vorbehalten.
Ein namenloser Ich-Erzähler (verheiratet, Lehrer, promovierter Historiker) erzählt, wie man spät erfährt, einem Notar („Sie“) die Geschichte eines großen Missverständnisses, welches durch ein kleines Anzugetikett aufgeklärt wird: Er hat über revolutionäre Ereignisse 1919 in Hamburg seine Dissertation geschrieben und ein populärwissenschaftliches Buch darüber unter dem Titel „Dem unbekannten Sieger“ veröffentlicht; bei seiner Verlobung 1951 schenkt er das Buch seinem Vater, einem Kaufmann, der es aber schon kennt. Der Vater, Kurt Hinrichs, erklärt dem Sohn teilweise in einem Gespräch, teilweise im Vorspielen, teilweise in einem langen Vortrag, wie es in Wirklichkeit 1919 zugegangen sein muss; er sei damals in Vertretung der Firma in Hamburg gewesen und habe sich die Ereignisse angeschaut. Dabei wechselt er immer wieder in die Ich-Form des Agierenden und macht so beizeiten deutlich, dass er der unbekannte Sieger, der „Genosse Hein“ war. Was der Leser bald merkt, hat der Sohn 1951 nicht verstanden, obwohl es mit Händen zu greifen ist; denn als Historiker hält er sich an Dokumente, während der Vater als Vertreter des gesunden Menschenverstandes agiert hat und argumentiert: Wie es gewesen sein muss. Was der Vater dabei an Detailwissen offenbart, tut der Sohn als Phantasie ab.
Das Buch lebt von dieser Differenz zwischen auf „Dokumenten“ beruhender Wissenschaft und gesundem Menschenverstand, wobei dieser sich als die überlegene Kraft erweist. Die Erzählsituation ist nicht glaubwürdig, der Notar kommt nicht einmal zu Wort; die Begriffsstutzigkeit des Historikers ist so dick aufgetragen, dass sie schon satirisch wirkt. Die alte Frau Hinrichs ist ein eher dummes Frauchen, die junge Frau Hinrichs darf ihr als Verlobte ein paar Mal beipflichten – Vater und Sohn sind die Hauptakteure, wobei es schon verwundert, dass der Historiker seinen Vater nie nach dessen Wissen oder Erlebnissen 1919 befragt hat. Fazit: beim ersten Lesen ganz nett, aber ein bisschen zu weitschweifig. Im Netz gibt es nur eine einzige Besprechung, die äußerst kritische von Martin Gregor-Dellin in der ZEIT (s. erster Link).

Sonntag, 14. Januar 2018

Ludwig Marcuse: Ignatius von Loyola - vorgestellt

Ignatius von Loyola. Ein Soldat der Kirche“ ist erstmals 1937 (1935?) erschienen. Es ist die Biografie eines bedeutenden Katholiken aus der Feder eines „Ungläubigen“: ein sehr grundsätzliches Buch.
Marcuse zeichnet in seiner dialektischen Manier den Weg vom Knappen, der nach dem Vorbild des „Amadis von Gallien“ eine Dame verehrt, über den Soldaten, der verwundet und damit kampfuntauglich wird, über den Christen, der eine mystische Einheit mit den Armen und Kranken lebt, über den Pilger nach Jerusalem und den Mann, der die ersten Gefährten um sich sammelt, zum Ordensgründer und ersten General einer Gesellschaft, die auf totalen Gehorsam setzt und den Zugang zu den Großen sucht: ein Mann, der letztlich gescheitert sei: „Über dem christlichen Gesetz der Liebe steht das nichtchristliche Gesetz des blinden Gehorsams. Am Ende eines reines Lebens beweist der General noch einmal, daß er, ein heiliger Mann, in aller Unschuld, mit verehrungswürdiger Kraft – dem Satan gedient hat: dem harten Gott über allen Göttern; dem Gott, der Herren wachsen lässt. […] Nicht Sklaven, sondern Ideen-Besessene, nicht Schurken, sondern Heilige sind die besten Soldaten für die verruchtesten Kriegsziele.“
Dabei stellt Marcuse seinen Ignatius immer wieder als Menschen in seiner Zeit dar; das 16. Jahrhundert mit seinen Aufbrüchen, seinen Reichtümern, seinen Nöten und Gefahren wird vor den Augen der Leser lebendig, so dass man das Buch wie einen Roman liest. Und Ignatius von Loyola, in dessen Wappen zwei Wölfe stehen: „Er war immun gegen die tödlichsten Bazillen aller Kämpfe: gegen die Rachsucht des unterlegenen, gegen den Übermut des siegreichen Loyola.“
In einem großartigen „Nachwort an den gläubigen und den ungläubigen Leser“ reflektiert Marcuse sein Recht einer kritischen Loyola-Biografie, eine Darstellung „im Licht des Unglaubens, den er [I. v. L.] stiftete“. Denn „viel entscheidender als seine Zwiesprache mit dem Heiligen Geist war sein Entschluß, nichts Gott zu überlassen. Er meinte sogar, 'daß es Gott versuchen hieße, wenn man die zur Verfügung gestellten Mittel verschmähen wollte, um auf Wunder zu warten'. So setzte sich ein christlicher Atheismus durch.“
Das erste Motiv seines Buches sei gewesen, „den Mann vorzuführen, der die Religion des Trostes zu einer Religion der Welteroberung machte – ad majorem dei gloriam“. Und das zweite Hauptmotiv: „es darf der Loyola, es darf das Christentum nicht denen überlassen werden, die es in Verruf gebracht haben; und nicht von denen 'überwunden' werden, die seiner nicht würdig sind“. Marcuse will also mit seiner Kritik an diesem Mann den Ignatius von Loyola retten – auf dass eine Askese wie die seinige einem größeren Ziel diene.

Montag, 1. Januar 2018

Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire (2017) - vorgestellt

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire (deutsch 2017)
Pointe-Noire ist eine Hafenstadt von 750.000 Einwohnern im Kongo; wenn Mabanckou, der 2012 nach 23 Jahren für 12 Tage dahin zurückgekehrt ist, von seinen Begegnungen mit Menschen und Orten erzählt, hat man den Eindruck, Pointe-Noire sei ein Städtchen von höchstens 20.000 Einwohnern. Überall begegnet er den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend: bei den Verwandten, bei seinem ehemaligen Philosophielehrer, bei den Prostituierten, im Kino, am Strand, im Gymnasium Lycée Victor Augagneur. Und in den Erinnerungen tauchen die Mythen auf, mit denen die Menschen dort in den 70er Jahren noch lebten… Nur ein Aufschneider in einem Restaurant, der ihn als Autor erkennt und ihn „einlädt“, um sich dann von ihm freihalten zu lassen, erzählt von den politischen Kämpfen um das Öl und die Präsidentschaft; aber bei ihm weiß man nicht, wie viel davon gelogen ist. Es ist ein heiteres Buch, das man mit Freude liest, auch wenn der Abschied von den Verwandten und dem Land der Kindheit immer wieder die Erzählung ein bisschen melancholisch tönt. Die schlichte Realität ist aber auch: Fast alle Verwandten schnorren und wollen vom erfolgreichen Auswanderer Bargeld geschenkt bekommen.
Ich habe im Kopf nachgerechnet: Siebzehn Jahre nach dem Tod meiner Mutter, sieben Jahre nach dem Tod meines Vaters und dreiundzwanzig Jahre nach meiner Abreise nach Frankreich bin ich in diese Stadt zurückgekehrt. Trotzdem habe ich nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Ich bin nur ein schwarzer Storch, der inzwischen länger unterwegs ist, als es seiner Lebenserwartung entspricht. Schwebenden Schrittes habe ich am Bach der Ursprünge innegehalten in der Hoffnung, eine Existenz zum Stehen zu bringen, geschüttelt von den Myriaden von Blättern, die der genealogische Baum abgeworfen hat.
Sie mag zugrunde gerichtet und von ihrer anarchischen Ausdehnung zerfressen sein, ich suche trotzdem nach Gründen, diese Stadt zu lieben.“ So hat Mabanckou schon während seines Besuches dort mit den Aufzeichnungen begonnen – er hat dabei bewusst „Afrika-Literatur“ produziert; die Lebensgefährtin, die mit ihm dort war, wird nur an wenigen Stellen kurz erwähnt. Das moderne Pointe-Noire kommt in seinem Buch praktisch nicht vor.
Rezensionen:
Sonstiges:

Samstag, 30. Dezember 2017

Max Annas: Illegal (2017) - Besprechung

Max Annas: Illegal. Roman, Reinbek 2017
Wir haben sozusagen einen Antikrimi vor uns: Der Augenzeuge des Mordes wird gejagt. Das liegt daran, dass er ein illegal in Berlin lebender Schwarzer ist: Schwarze haben es in Berlin schwer, das wird uns immer wieder vorgeführt (also: ein antirassistischer Roman) – aber das wusste ich bereits. Besagter Kodjo hat Geschichte studiert und kann Clausewitz-Zitate verifizieren, arbeitet in einem Restaurant und beendet gerade ein Verhältnis: Seine Manneskraft wurde gegen eine illegale Wohnung getauscht. Aber er ist dabei, Marie für sich zu gewinnen; sie setzt sich bedingungslos für ihn ein, scheitert aber beim Versuch, ihn zu retten.
Die eigentliche Handlung ergibt sich daraus, dass Kodjo durchs Fenster beobachtet, wie im Nachbarhaus eine Prostituierte ermordet wird. Zur Polizei kann er als Illegaler nicht gehen; so unternimmt er auf eigene Faust die Jagd nach dem Täter – reichlich stümperhaft – und findet ihn auch – reichlich unwahrscheinlich. Der jedoch hat ihn als Verfolger bemerkt und verfolgt seinerseits persönlich und mit Hilfe von Sicherheitsagenten den Augenzeugen, im Verbund mit Kontrolleuren der Bahn (wegen Schwarzfahrens) und mit der Polizei – dummerweise war Kodjo nach dem Mord zum Ort des Geschehens gegangen und dabei von einer jungen Frau gesehen worden. Und dann wird er in der Nacht gejagt, über 60 Seiten und durch die Straßen und Parks der Stadt, was man nur als Berliner würdigen kann. Unerschöpflich ist sein Vermögen zu laufen, aber schließlich wird er gestellt und zusammen mit einem Verfolger vom Bus überfahren.
Das Geschehen wirkt oft reichlich konstruiert. Uns wird eingehämmert, wie böse Rassismus ist: Viele junge weiße Männer haben eine hässliche Attitüde. „Diese Was-willst -du?-Haltung. Diese unappetitliche Idee von der eigenen Unbesiegbarkeit. Es steckte in ihnen allen. Der Gedanke der Überlegenheit. Man sah es ihnen an.“ Dagegen sind die Schwarzen nett, einige verwickeln seine Verfolger in eine Prügelei, um sie aufzuhalten. Was tut man nicht für einen Brother (sind aus dieser Perspektive die Weißen enemies – antirassistischer Rassismus?)?
Max Annas hat trotz Beratung durch viele Freunde (s. S. 239) gelegentlich Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. „Kodjo blieb stehen, als er einen Sportwagen mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zukommen sah.“ Richtig: als er ihn auf sich zukommen sah. Annas setzt gelegentlich auch einen Namen ohne Weiteres hinter die wörtliche Rede, als ob er sie nicht durch eine Einleitung einem Sprechenden zuordnen könnte. Eine Marotte, aber eine überflüssige, wie die Sache mit dem U-Turn.
Die Rezensenten sind wie üblich des Lobes voll; aber wer ein paar Reportagen über Berlin oder Asylsuchende gelesen hat, braucht den Roman nicht zu lesen.


Mittwoch, 27. Dezember 2017

D. Grossmann: Kommt ein Pferd in die Bar (2016) - vorgestellt

David Grossmann: Kommt ein Pferd in die Bar. Roman. München 2016 = Frankfurt 2017
Die Idee des Buches: Ein mittelprächtiger Comedian namens Dovele tritt in einem Städtchen in Israel auf und unterhält das Publikum mehr oder weniger gekonnt. Er hat dazu den Ich-Erzähler eingeladen, einen pensionierten Richter, den er seit seiner Jugendzeit kennt und der ihn beurteilen soll. Zu den beiden gesellt sich als dritte wichtige Person eine Bekannte Doveles ebenfalls aus der Jugendzeit, die der Unterhalter zunächst beleidigt, aber später akzeptiert, die aber fest zu ihm hält. Die Show kippt langsam, ganz langsam: Der Comedian greift auf Stoff seines Lebens zurück, letztlich auf eine endlose Autofahrt zum Begräbnis und sein vermeintliches Versagen beim Tod seiner Mutter, als er 14 war; der Richter bekommt Gewissensbisse, weil er seinen Freund damals vermeintlich verraten hat; die Show kippt also, das Publikum verlässt nach und nach die Veranstaltung. Dann ist Schluss, das Ende ist offen.
Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung, ich habe mich bis zum Ende durchgekämpft (und ab S. 210 ein wenig geschummelt): Man wartet zwischen einigen ordentlichen Witzen fortwährend darauf, dass irgendetwas passiert – und heraus kommt das „Versagen“ zweier 14jähriger, zu dem man als Erwachsener höchstens „na, ja“ sagen kann. Zwischendurch werden einige Probleme der Menschen in Israel gestreift. Die Idee trägt kein Buch von 250 Seiten.

Wenn man die Kritiken überfliegt, sieht man, dass sie das Buch als Zeugnis des verstörten Lebens in Israel zur Kenntnis nehmen und loben; ich befürchte, das haben sie bereits vorher gekannt – in der Hinsicht hätte ich einige gescheite Reportagen über Israel diesem Roman vorgezogen.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Pfaller: Erwachsenensprache (2017) - vorgestellt

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Fischer 2017 (14,99)
"Pfaller behauptet, die Postmoderne zeichne sich - anders als die Moderne - durch ihre Politiken der Ungleichheit aus. Nicht mehr der Anspruch der Menschen auf einen gewissen Teil des gesellschaftlichen Reichtums solle befriedigt werden, sondern lediglich ihrer spezifischen Empfindlichkeit eine symbolische Anerkennung widerfahren. Pfaller qualifiziert sich damit als Verschwörungstheoretiker, auch wenn dieses Theorem unter dem Etikett Verblendungszusammenhang des Kapitalismus schon länger herumspukt. Natürlich war der Kapitalismus demnach nie so blöd, einfach nur Ungleichheit zu erzeugen. Er kaschierte sie durch immer neue Masken.
Pfaller spießt deren jüngste Erscheinung in Form der Diversitätspolitik auf: Die neoliberale Gesellschaft fördere nicht die Ärmeren und Ärmsten, damit diese möglichst so gut wie alle Übrigen leben könnten. Sie fördere vielmehr immer nur Ausnahmen, um alle Übrigen getrost verkommen zu lassen. Dabei ist es doch so einfach: „Wenn man mit den Kämpfen der Diversität beginnt“, so Pfaller, komme man niemals zur Gleichheit. Beginne man aber „mit der Gleichheit und gelangt zu einer Lösung, bleibt auch von den Problemen der Diversität nichts mehr übrig“.
Wer die Ungleichheit und den davon profitierenden Rechtspopulismus stoppen wolle, müsse sich der Frage stellen, ob die Empörung der verarmenden Bevölkerungsgruppen einen Ausdruck finden kann - und zwar einen anderen als den der rechtspopulistischen Parteien. Zuerst müsse man dafür die Dinge wieder beim Namen nennen. Darum Pfallers Plädoyer für die titelgebende „Erwachsenensprache“. Das Durchforsten von Kinderbüchern nach diskriminierenden Begriffen wie "Negerkönig" oder die Kennzeichnung literarischer Texte mit Warnungen seien Ermunterungen zur Empfindlichkeit, die die Erwachsenen infantilisiere und entsolidarisiere.
Wer sich ständig durch das Besondere diskriminiert fühlt, vergesse die Falschheit des Allgemeinen. Was wiederum von den Profiteuren dieser Falschheit beabsichtigt ist. Pfallers Anklage schwingt sich am Ende zu dem Urteil auf, dass es die infamen Sozialdemokraten und Grüne gewesen seien, die sich mit ihren wirtschaftlichen Reformen zum willfährigen Erfüllungsgehilfen der Neoliberalen gewandelt hätten. Ihre an sich begrüßenswerte Diversitäts- und Minderheitspolitik sei darum auch nur ein Täuschungsmanöver gewesen." (Gerald Wagner in der FAZ, siehe:)
Auf youtube:

Weitere (ältere) Beiträge dort über und mit Robert Pfaller!

Dienstag, 5. Dezember 2017

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich - vorgestellt


Sasha Marianna Salzmann: Außer sich. Suhrkamp 2017
S. M. Salzmann hat ein Buch geschrieben, in dem Ali resp. Anton – Zwillinge, aber irgendwie auch identisch – sich suchen und durch die Welt irren, jede Menge Zeitgenossen vögeln (und umgekehrt, in alle möglichen Körperöffnungen), sich Testosteron spritzen, um das Geschlecht zu verändern, und durch Istanbul schwirren, wo ich mich leider nicht auskenne. Und das soll das moderne Lebensgefühl sein?
Queer steht heute sowohl für die gesamte Bewegung als auch für die einzelnen ihr angehörenden Personen. Es ist eine Art Sammelbecken, in dem sich – je nach Selbstaussage – außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSMlern auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren, und viele mehr finden lassen. Eine Besonderheit von queer im Vergleich zu Identitäten wie lesbisch oder schwul ist, dass die Betonung auf der eigenen – von der Heteronormativität abweichenden – Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität bzw. Lebensweise liegt, während ein etwaiger Partner eine geringere Rolle spielt.“ (Wikipedia, Art. „queer“).
Ich befürchte, da wird etwas missverstanden: Natürlich hängt meine Identität auch mit meinen xy-Chromosomen zusammen und den dadurch hervorgerufenen Geschlechtsmerkmalen, Körpersäften, Abenteuern, Freuden und Leiden und Irrtümern: Aber meine Identität umfasst viel mehr. Und die ganze Wanderei durch 54 oder wie viel verschiedene Geschlechtsausprägungen: führt sie zum wahren Ich (das es sowieso nicht gibt)?
Heute schrieb mir eine frühere Schülerin, dass sie im November geheiratet, bald darauf ihren zweiten Sohn geboren hat und seit 2016 im eigenen renovierten Häuschen in einem Dorf nahe der Mosel wohnt: Das muss nicht für alle Zeiten so bleiben, aber soll ihr Leben weniger erstrebenswert als das der quasifeministischen Sexwandererinnen sein? Soll sie weniger modernes Lebensgefühl verkörpern als Ali in Salzmanns Roman? Wäre eine Erzählung ihres Lebens weniger Kunst als Salzmanns Roman von Ali und Anton?
Was die begeisterten literaturpäpstlichen Rezensenten meinen:
http://www.deutschlandfunk.de/sasha-marianna-salzmann-ausser-sich-wenn-sich-das-ich.700.de.html?dram:article_id=396109 (vom Ende der Besprechung: „Denn diese Prosa ist nicht auf Themen hingeschrieben; sie produziert auch keine Ergebnisse. Auch ist dieser Text keinesfalls darauf angelegt, um jeden Preis zu gefallen. Er ist eckig, sperrig, oft kühn in seiner Bildsprache und überschießend in seinem emotionalen Gehalt. Aus "Außer sich" sprechen vor allem eine innere Dringlichkeit und eine sprachliche Kraft, die buchstäblich in der Lage sind, geografische und Genregrenzen zu überschreiten.“) Ich frage mich: Wozu liest man solch ein Buch (die letzten 50 Seiten habe ich kursorisch teils überflogen, teils übersprungen – ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben)? Dass ein vermeintliches Ich nicht festliegt, weiß ich seit langem, dass viele Seelen in unserer Brust wohnen – aber doch auch, dass es Verlässliches gibt oder geben soll, und den gewohnten Gang des Normalen.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sasha-marianna-salzmanns-romandebuet-ausser-sich-15189639.html (Ich bezweifele, dass Frau Salzmann ein zeitgenössisches Lebensgefühl trifft. Woher kennt die Rezensentin Sandra Kegel das moderne Lebensgefühl?)
http://www.deutschlandfunkkultur.de/sasha-marianna-salzmann-ausser-sich-eine-wilde-intensive.1270.de.html?dram:article_id=397244 (350 wilde Seiten – das stimmt: Ich liebe es ruhiger, distanzierter, dezenter.) Vielleicht gehöre ich bereits der Welt von gestern an?

P.S. Nachträglich lese ich den vorzüglichen Aufsatz „Keine Grenze. Nirgends. Von 'Transgender' zum 'Transhumanismus'“ von Bettina Gruber (in: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Nr. 04/2017, S. 9 ff.). Gruber führt aus, dass „das Durchbrechen realer und symbolischer Grenzen“ den Erfolg westlicher Gesellschaften ausgemacht hat und dass Grenzüberschreitung „eine Kernmetapher des modernen Westens“ ist. Der Komplex 'Gender' ist im Gegensatz zu seiner Selbststilisierung keine Aufklärung über das Wesen der Geschlechter, keine Befreiungsbewegung und kein Aktivismus für Minderheitenrechte, sondern ein Vorreiter der Idee totaler Montierbarkeit des Individuums.“
Jetzt verstehe ich besser, was mich an Salzmanns Buch so verstört: Es ist das in Ali entworfene Lebensideal des Überschreitens jeder Grenze. Ein bisschen mehr Bescheidenheit täte Ali, Frau Salzmann und uns allen gut. Dieses moderne Lebensgefühl (Sandra Kegel) völliger Beliebigkeit, die totale Fixierung auf die Steigerung des Fickens in allen Formen und Varianten zerstört nicht nur jede Erotik, sondern auch unsere Menschlichkeit.

2. P.S. Wir sprachen von dem Geltungsanspruch, aus dem heraus jede Zeit sich durch ein Eigenes und Großes hervortun will. (…) Die Gegenwart sucht so sehr das Unterscheidende, das ihr vor dem Überkommenen ein Eigensein verschafft, ist so dankbar dafür, daß sie – und dies um so mehr, je weniger noch traditionale objektive Maßstäbe gegenbalancieren – das Neue schon allein um seiner Neuheit willen begrüßt. Weil es ein Neues ist, hofft sie, es werde auch ein Gehaltvolles sein. Aufgrund des einzigen Vorzugs, modern zu sein, kommt das Geringe zu Ansehen. Was ihm an echter Substanz fehlt, das stopft ihm die Gegenwärtigkeit nach.“ (Michael Landmann: Gegenwart. In: Das Ende des Individuums, Stuttgart 1971, S. 134 f.)

Dienstag, 14. November 2017

S. Lenz: So zärtlich war Suleyken - vorgestellt


Man kann sein Herz an Siegfried Lenz‘ Erzählungen „So zärtlich war Suleyken“ (1955) verlieren; ein Ich-Erzähler berichtet von den skurrilen Ereignissen in Suleyken, einem Dörfchen in Masuren, das außerhalb unserer Welt und unserer Zeit liegt. Er erzählt in ruhiger, liebevoller Distanz von den Menschen, die allesamt Originale sind – das beginnt mit seinem Großvater, der im Alter von etwa 70 Jahren zu lesen lernte und davon so begeistert war, dass er den Kampf mit dem herannahenden Feind immer wieder aufschob, bis der feindliche General drohend vor ihm stand. Da bat er er sich aus, die letzten zwei Seiten noch lesen zu dürfen, worauf besagter General trotz seiner schrecklichen Drohungen entsetzt die Flucht ergriff.
Voller Seelenruhe sind die Menschen, von denen erzählt wird, ob sie nun klauen oder am Reichtum leiden, den sie durch eine Wette gewonnen haben… Das Glück liegt ganz nahe, wenn man die 20 kurzen Geschichten liest.