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Donnerstag, 17. November 2016

Faust I: Auerbachs Keller, Hexenküche


Die beiden Szenen stellen den Beginn der Weltfahrt dar, zu der Faust mit Mephisto aufbrechen soll (V. 2051 ff., vgl. V. 1850). Sie verbinden die Gelehrtentragödie (ab Szene „Nacht“, V. 354 ff.) mit der Gretchentragödie (ab Szene „Straße“, V. 2605 ff.). Sie enthalten viele satirische und „unterhaltende“ Elemente und entsprechen so der Forderung der Lustigen Person aus dem Vorspiel auf dem Theater:
„Laßt Phantasie mit allen ihren Chören,

Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,

Doch, merkt euch wohl! Nicht ohne Narrheit hören!“ (V. 86-88, vgl. V. 170/73)

Auerbachs Keller
Das ist die erste Station der Weltfahrt, von der Faust völlig enttäuscht ist.
·       Die Studenten saufen, behandeln verschiedene Themen (V. 2073 ff.).
·       Sie singen das Rattenlied (V. 2126 ff.), eine Ständesatire auf den Klerus.
[Faust und Mephisto treten auf.]
·       Wechselseitige Einschätzung der beiden Parteien, Necken (V. 2158 ff.)
·       Mephistos Flohlied, eine Satire auf den Feudalstaat (V. 2207 ff.)
·       Satirischer Seitenhieb auf die Revolution (V. 2244, vgl. V. 2295)
·       Weinzauber Mephistos (V. 2245 ff.)
·       Fausts Unbehagen (V. 2296), Mephisto kündigt Größeres an (die Bestialität, V. 2297 f.).
·       Feuerzauber und Verwirrung der Studenten (V. 2299 ff.)
[Faust und Mephisto verschwinden.]
·       Die Studenten besprechen ihre Erfahrung mit Mephisto (V. 2322 ff.).

Hexenküche
Die Szene stellt eine bedenkliche Bedrohung der Vernunft dar (vgl. V. 1851 ff.) In der Regieanweisung wird die Hexenküche beschrieben.
·       Fausts Abneigung gegen
-       das Zauberwesen (vs. Natur!, V. 2337 ff.)
-       das alte Weib (V. 2366 ff.)
·       Mephisto spricht mit den Tieren (V. 2380 ff.).
·       Faust ist vom Spiegel-Bild fasziniert (V. 2429 ff., vgl. V. 2456 und 2461 f.), ihm wird eine reale Frau versprochen (-> V. 2599 ff. -> „Straße“ etc).
·       Mephisto spielt „König“ (2450/2 Anspielung auf die Situation in Frankreich?)
[Die Hexe kommt.]
·       Begrüßung zwischen Hexe und Teufel, ihrem Herrn – Entmythologisierung der Teufelsfigur (V. 2465 ff.)
·       Bitte um Verjüngungstrank, die Hexe warnt (V. 2518 ff.)
[ Hokuspokus der Hexe]
·       Das Hexeneinmaleins -> Polemik gegen den christlichen Glauben, das Wortmotiv taucht auf (V. 2532 ff.)
·       Fortsetzung des Zaubers, Faust trinkt (V. 2567 ff.).
·       Abschluss des Zaubers (V. 2585 ff.)
·       Überleitung durch Mephisto über „Cupido“ (Begierde) des verjüngten Faust –> Spiegelbild –> „leibhaftig“ zur folgenden Szene, der ersten Begegnung mit Margarete

Zu Auerbachs Keller
http://www.abipur.de/referate/stat/656135734.html (interessant: Beobachtungen zu Versformen und zum Flohlied, Einordnung in die Abfolge der Szenen) =
http://www.goethe-psychoanalyse.de/Publikationen/auerbachs/auerbachs0_00.html (psychoanalyt., ab S. 28, deutet das Geschehen als Delirium, trägt nichts zum Verständnis der Szene bei)
Zu Hexenküche
http://www.abipur.de/referate/stat/677141602.html (i.W. knappe Inhaltsangabe, der letzte Absatz stellt die Szene in den Zusammenhang des Dramas)
http://herrlarbig.de/2013/10/28/faust-1-hexenkueche-vers-23372604/ (subjektive Eindrücke bei der Lektüre, die Ironie im Rat Mephistos zur Feldarbeit wird nicht erkannt; bemüht „moderne“ Lesart)

Dienstag, 8. November 2016

Motiv "Wort, Worte" in Faust I

Eines des beherrschenden Motive des Dramas ist Fausts Misstrauen gegenüber dem Wort bzw. der Wahrheit der Worte; dieses Misstrauen kann man aus dem „Sturm und Drang“ (Rebellion des Gefühls gegen die „Aufklärung“ und die geordnete Welt der Väter) verstehen, es hat aber auch in der mittelalterlichen Philosophie seine Vorgeschichte („Nominalismus“, s.u.).
  • Das erste Mal taucht das Motiv in der Szene „Nacht“ (bereits im Urfaust!) auf. Der Gelehrte Faust beklagt, „daß wir nichts wissen können“ (V. 385), er will nicht mehr bloß „in Worten kramen“ (V. 385), sondern unmittelbaren Zugang zur lebendigen Natur finden („Ich fühle Mut...“, V. 464). Vgl. auch das „Meer des Irrtums“ (V. 1065), in dem Faust und sein Vater sich bewegt hätten.
  • Im Gespräch mit Wagner, dem Stubengelehrten und Bücherfanatiker, vertritt Faust den Primat des Verstands und des rechten Sinnes gegenüber bloß angelernten Wörtern (V. 550-565).
  • Ebenso grundsätzlich wie in der Nacht-Szene sind seine Bedenken gegen den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Dem kann Faust in seiner Bibelübersetzung nicht zustimmen, lieber verfälscht er den Text (V. 1224-1237).
  • Mephisto kennt Faust und spielt mit dessen Misstrauen gegenüber der Wahrheit des Wortes, als Faust sich nach dem Namen seines Gastes erkundigt (V. 1327 ff.): Geplänkel am Rande.
  • Faust verteidigt gegen sein sonstiges Misstrauen das „Manneswort“ als wahr und glaubwürdig, als Mephisto eine schriftliche Abmachung einfordert (V. 1716 ff.).
  • Damit zu vergleichen ist Fausts Widerstand, als Mephisto ihm rät, vor Marthe ein falsches Zeugnis über den Tod ihres Mannes abzulegen (V. 3033 ff., „Straße“). Faust verwahrt sich heftig dagegen (V. 3039), worauf Mephisto spöttisch daran erinnert, dass Faust als Gelehrter doch auch von Gott und der Welt (beliebige, also nicht richtige) Definitionen „mit großer Kraft gegeben“ (V. 3045) habe.
  • Mephisto greift in einem auf den nächsten Tag vor: Faust werde Gretchen mit seinen Liebesschwüren betören und belügen (V. 3051 ff.); Faust verteidigt das Recht zu solchen Schwüren und Beteuerungen, indem er auf die Tiefe und Glut des Gefühls verweist, das man zu Recht „ewig, ewig nenne“ (V. 3065 – vgl. auch den Gesang der drei Erzengel, die von Gott bekennen, dass „keiner dich ergründen mag“, V. 268, dort allerdings eher im Zusammenhang der Theodizeefrage).
  • Glänzend drückt Mephisto in der Schüler-Szene im „Studierzimmer“ die Problematik der Worte aus, als er satirisch ihren unkritischen und auch sinnlosen Gebrauch einfordert (ab V. 1910, speziell V. 1948 ff. und 1988 ff. – vgl. auch Wagner, die Karikatur eines Gelehrten).
  • Das Motiv taucht auch in der Polemik Mephistos gegen den christlichen Glauben an Gottes „Dreifaltigkeit“ auf (V. 2560 ff.): „Gewöhnlich glaubt der Mensch ... wenn er nur Worte hört.“
  • Im „Garten“ turteln Gretchen und Faust; Gretchen befragt das Blumenorakel, mit dem Ergebnis „Er liebt mich!“ (V. 3183). Faust wertet dieses „Blumenwort“ als wahren, gültigen „Götterausspruch“ (V. 3184 f.), und sein (fühlbarer) Händedruck soll sagen, was in Wahrheit „unaussprechlich“ ist (V. 3189 f.).
  • In „Marthens Garten“ wird Fausts Rechtgläubigkeit überprüft. Faust lehnt es ab, sich auf ein Glaubensbekenntnis festlegen zu lassen (V. 3426 ff.), und verteidigt seine Position wortreich (speziell V. 3451 ff. – in Parallele zur Unaussprechlichkeit der Liebe), ohne Margarete allerdings überzeugen zu können (V. 3466/68).

Ich habe nur ein Papier zur Wortproblematik bei Goethe gefunden:
Vgl. auch die Fortsetzung der Wortproblematik im fin de siècle, etwa im Motto des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/musil-die-verwirrungen-des-zoglings-torles-analysen/) oder in Hofmannsthals Chandos-Brief.

Sturm und Drang:
http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang 
Nominalismus:
http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2
http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/univers.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem

Aufgaben zu Wolfgang Borchert: Das Brot


Zum Verständnis der Erzählung musst du wissen, dass sie 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und dass damals die meisten Deutschen nicht genug zu essen hatten. – Bearbeite die Aufgaben in vollständigen Sätzen:
 
1. Erkläre am Beispiel „Ach so!“, was personales Erzählen ist.
2. Beschreibe kurz die Situation, in der die Eheleute sich in der Küche treffen.
3. Erkläre, woran die Frau erkennt,
- dass ihr Mann sich Brot abgeschnitten hat,
- dass er sie belügt,
- warum er sie (vermutlich) belügt.
4. In den ersten Absätzen wird mehrfach erwähnt (vom Erzähler, von den Figuren), dass die beiden sich im Hemd gegenüberstehen. Was bedeutet das in dieser Situation?
5. Auch dass die Kälte der Fliesen an der Frau hochkriecht, hat vielleicht eine tiefere Bedeutung. Welche Bedeutung kannst du darin erkennen?
6. Erkläre an einem Beispiel, was ein allwissender (omniscient) Erzähler ist.
7. Der Mann denkt, bei den Frauen läge es an den Haaren, dass sie nachts älter aussehen. Wie kann man auf diese Idee kommen?
8. Es wird gesagt, dass die Frau ihrem Mann mit einer Bemerkung zu Hilfe kommt. Erkläre,
- inwiefern (how) sie das tut,
- warum (why) sie das tut.
9. „als ob er schon halb im Schlaf wäre“ ist ein irrealer Vergleich. Durch welches sprachliche Mittel wird angezeigt, dass dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist?
10. Warum möchte die Frau nicht, dass ihr Mann merkt, dass sie noch wach ist?
11. In der Erzählung ist ein Zeitsprung (leap in time):
- Durch welche Wörter wird er angezeigt?
- Warum wird noch von dem erzählt, was später geschah?
12. Erkläre, warum der Mann beim Abendessen nicht aufsieht.
13. Findest du es richtig, dass die Frau ihrem Mann abends eine Scheibe von ihrer Portion Brot abgibt? Begründe kurz deine Meinung!

Vgl. auch die exemplarische Analyse https://norberto68.wordpress.com/2016/11/10/eine-erzaehlung-verstehen-wie-geht-das/!

Samstag, 5. November 2016

Roger Willemsen: Das Hohe Haus - Besprechung

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament, Frankfurt 2014

Willemsen hat ein sehr kritisches Buch über die Arbeit des Bundestages geschrieben, soweit sie im Parlament sichtbar wird. Von der eigentlichen Arbeit in den Ausschüssen berichtet er nicht, weil er dazu keinen Zugang hat – dazu müsste man etwa Dieter Lattmann: Die lieblose Republik. Aufzeichnungen aus Bonn am Rhein, München 1981 lesen; Lattmann war selber acht Jahre lang Abgeordneter und konnte als solcher Dinge wissen, die andere nicht kennen.
Dass Politik nicht so funktioniert, wie man es im Sozialkundeunterricht lernt, kann man seit langem wissen; den Politikbetrieb kritisch beobachtet haben viele, dazu kann man die (richtigen) Tages- und Wochenzeitungen lesen. Willemsen beobachtet dagegen nur die Debatten im Parlament und ist davon maßlos enttäuscht: von den Worthülsen, der gegenseitigen Missachtung der Abgeordneten, den Scheingefechten; dem Versagen der Kontrolle durch die Fraktionen, welche die Regierung stellen und diese stützen; dem Zynismus der Regierenden. Mit seinen Eindrücken von den Debatten verbindet er Hinweise auf das Aussehen oder die Geschichte des Reichstagsgebäudes und seiner Umgebung, auf die Besucher und das Personal des Hauses. Und er beginnt den Bericht von jeder Sitzung mit einem kurzen Überblick über Nachrichten des Tages.
Öfter wird von ihm durch bloße Aufzählung entlarvt, was an leerem Stroh im Parlament gedroschen wird, z.B. am 10. Januar (2013): „Da ist es 22 Uhr 43, und mein Kopf schwirrt vom Tages-Ausstoß alles dessen, was ‚wir brauchen’: Was wir brauchen, ist eine politische Rahmensetzung. Was wir brauchen, sind gutes Essen, Vielfalt, ein hoher Bioanteil, regionale Produkte für alle Kinder. Wir brauchen einen soliden Haushalt. Wir brauchen eine aktive Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine vorausschauende Wirtschaftspolitik. Wir brauchen den Politikwechsel in der Wirtschafts- und in der Sozialpolitik. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen endlich eine Art Masterplan. Wir brauchen, meine Damen und Herren, einen klaren Blick auf den Kern dieser Krise. Wir brauchen eine europäische Abwicklungsbehörde.“ (S. 52) Und so geht es knapp eine Seite weiter – entlarvend; aber damit ist nicht erwiesen, dass wir das alles nicht brauchten.
Willemsen reflektiert das Benehmen und die Reden der Abgeordneten aus der Sicht des freischwebenden Geistes: beseelt von der ursprünglichen Idee des Parlamentarismus, ohne Rücksicht auf die Bindung der politischen Willensbildung an Parteien, nicht belastet von den Zwängen des Regierens, also der Kompromissfindung. Wie utopisch sein Blick ist, zeigen Bemerkungen zur Sitzung vom 28. Februar 2013: „Die Entscheidungen sind fatal, die Entscheidungsträger trotzdem banal. / Ich blicke auf die Glaswand (...) und denke ohne Ergebnis über einen Satz des chinesischen Weisen Laotse nach: ‚Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein.’ Glücklich wäre er vielleicht unter einer Politik der Notwehr, die nicht vor allem den Kampf um die Herrschaft organisierte.“ (S. 114) Was braucht es dazu – vielleicht den Philosophenkönig Platons? Kann eine Kritik des Bestehenden aus solcher Sicht mehr als den gegenwärtigen Betrieb entlarven?
„Der Kern der Sache liegt anderswo (...). Die Kritik trifft das System und muss von einem exterritorialen Standpunkt aus formuliert werden. (...) Dabei formulieren alle Redebeiträge letztlich den Grundwiderspruch zwischen dem systemkonformen Standpunkt, der die Banken schützt wie etwas Eigenes, und einem systemkritischen Standpunkt, der die Banken als Dienstleister versteht, nicht als Spekulanten. Es muss auch im Parlament erlaubt sein, die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht geführt. Das System begründet sich selbst nicht mehr.“ (S. 151 f.)
Willemsen lässt seine Leser ratlos zurück; sein Herz schlägt links, er hat seine Kritik vorgebracht. Neues erfährt man danach nicht mehr; ich habe das Buch bis S. 208 gelesen, das genügte.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Lewitscharoff: Blumenberg (2011) - Besprechung

Zunächst hatte ich angefangen, Lewitscharoffs neuen Roman „Das Pfingstwunder“ (2016) zu lesen; in diesem Buch wird von einem Kongress der Danteforscher erzählt, von denen 33 vom Heiligen Geist erfüllt und hinweggetragen werden, während einer als Zeuge des Geschehens übrig bleibt. Das war mir zu dumm; so bin ich dem Ratschlag gefolgt, um Lewitscharoff kennenzulernen, solle man lieber den Roman „Blumenberg“ (2011) lesen.
In diesem Roman erzählt eine weithin ungreifbare, sich nur selten direkt einmischende Stimme einmal von dem großen Philosophen Blumenberg, seiner nächtlichen Arbeit und seinen Vorlesungen; diesem Blumenberg erscheint ein Löwe, ein Bote und Repräsentant des Göttlichen, in seinem Arbeitszimmer. Er taucht gelegentlich auch in der Vorlesung auf, ist aber nur für Blumenberg sichtbar (und für eine alte Nonne, die er zufällig trifft). Ferner gibt es eine Studentin und drei Studenten Blumenbergs, die allesamt vorzeitig zu Tode kommen. Am Ende stirbt auch Blumenberg, worauf er eine diffuse Zeit in einem Fegefeuer-Hades verbringt, um am Ende vom Löwen mit einem Prankenschlag „in eine andere Welt“ (S. 216) gerissen zu werden.
In einem nächtlichen Telefonat mit einem befreundeten Redakteur ringt Blumenberg mit der Unmöglichkeit, dem Redakteur von der Erscheinung des Löwen zu berichten. „Der Einbruch des Absoluten war nicht mitteilbar.“ (S. 146) Was Blumenberg nicht gelingt, gelingt nach meiner Einschätzung auch Sibylle Lewitscharoff nicht: Wieso sollte „das Absolute“ in Gestalt eines Löwen erscheinen? Zwar werden gleich zu Beginn von Blumenberg vergeblich allerlei Löwen-Bilder der Tradition zum Verständnis seines Löwen herangezogen (S. 12-17), indirekt von der Autorin zur Legitimation der Gestalt des Löwen – aber das ist Kulturgeschichte, also Vergangenes, nichts Lebendiges, nichts Glaubwürdiges. „Vor allem: glaubte er an die Beweiskraft des ihm widerfahrenen Wunders (...)?“ (S. 87) Blumenberg glaubt nicht daran, kann sich der Realität des Löwen aber nicht entziehen. Ich glaube auch nicht daran, kann aber die Beweiskraft der Erzählung vom realen Löwen bestreiten. Ein Wunder, Seinszufriedenheit, Kraftstrom, Himmelsflucht, Zuversichtsgenerator, Befreiung von Angst und Neid, Wiedergewinn der Weltgunst (S. 122 ff.), „die nie versiegende Zusicherung, das Netz der über Himmel und Erde geworfenen Namen, welches die Menschen zu ihrer Beruhigung ersonnen hatten, sei (...) reißfest“ (S. 132) – all das wird als Folge der Erscheinung von Blumenbergs Löwen für mich nicht plausibel. Kurz vor seinem Tod sieht Blumenberg sich als besiegt an „und [er] konnte keinen Trost daraus ziehen, daß die echte , die wahre Geschichte immer zu den Füßen der Besiegten saß, die den Tod vor Augen hatten“ (S. 200): Solche spekulativen Sätze verstehe ich einfach nicht, ich kann mir dabei nichts denken.
Als Roman über den Professor Blumenberg ist das Buch sympathisch, als Bild der Studenten von 1982 und den folgenden Jahren mäßig gelungen: Sie sterben alle verfrüht; das wird auch durch die Berufung der erzählenden Stimme auf die Pflicht, „auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen“ (S. 197), nicht besser – hier mogelt die Autorin, indem sie sich hinter die Erzählstimme flüchtet.
Eines weiß ich jetzt aber, was ich vorher nicht wusste: wer Agaue ist (https://de.wikipedia.org/wiki/Agaue).

http://www.rulit.me/books/blumenberg-read-433531-1.html Text des Romans

Rezensionen:
http://www.zeit.de/2011/37/L-B-Lewitscharoff (positiv, verständnisvoll, sublim kritisch)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sibylle-lewitscharoff-blumenberg-zu-grosse-naehe-kann-alles-zerstoeren-11483802.html (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: begeistert, verständnisvoll)
http://culturmag.de/rubriken/buecher/sibylle-lewitscharoff-blumenberg/36245 (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: kritisch)
http://www.lesemond.de/titel/lewitscharoff_sibylle_blumenberg.html (voller Lob, mit kritischen Tönen)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80652420.html (sehr knapp, bewundernd)
http://www.belletristik-couch.de/sibylle-lewitscharoff-blumenberg.html (inhaltlich viele Details, kritisch)
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/blumenberg-r.htm (zwei unterschiedliche Rezensionen aus Österreich)
https://www.welt.de/kultur/article13613651/Sibylle-Lewitscharoff-weiss-alles-ueber-einen-Loewen.html (kritisch, klug)
http://www.nzz.ch/der-loewe-ist-los-1.12468199 (dezent lobend)
http://www.tagesspiegel.de/kultur/kritik-trost-sollen-mir-die-loewen-spenden/4596630.html (verständnisvoll, kritische Randbemerkungen)
https://www.youtube.com/watch?v=U80brmLEPsQ (Michael Reitz: Die Metaphernlehre des Philosophen)

Löwe als Symbol und Metapher:
Löwe,  Symbol mit ambivalenter Bedeutung. Einserseits sind Löwe und Lamm Symboltiere für  Christus, oft mit * Kreuzstab oder * Kreuzfahne dargestellt (der Löwe auch Symbol  für den Evangelisten * Markus), anderseits wird der Löwe als Sinnbild des  Bösen, wie Drache, Basilisk und Aspis, von Jesus zertreten. Als profanes Symboltier  versinnbildlicht der Löwe so wie der Adler Macht und Herrschaft. Da die Sonne zur  Zeit der Nilüberschwemmung ins Sternbild des Löwen tritt, brachte man den Löwen  in Ägypten auch mit Wasser in Verbindung, ein Aspekt, der von Griechen und  Römern übernommen wurde. Löwendarstellungen dienten deshalb oft als  Wächterfiguren bei Quellfassungen. Der Löwe ist auch eines der Tierkreiszeichen. (http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8834.html)
In Bibel und Tradition Symbol für (Königs-) Macht, Gefährlichkeit, für Teufel (1 Petr 5,8) und Hölle ("Rachen des Löwen"), aber auch für die schützende Kraft Gottes (Hos 5,13). Jesus wird "Löwe aus dem Stamme Juda" (Offb 5,5) genannt. Der Löwe, der mit dem Schweif seine Spuren verwischt, ist Sinnbild für die geheimnisvolle Herkunft Jesu (Menschwerdung Gottes). Auch Auferstehungssymbol, weil man meinte, er könne mit offenen Augen schlafen und er könne seine totgeborenen Jungen durch Anatmen am dritten Tag zum Leben erwecken. Der Löwe ist Symbol für den Evangelisten Markus und Attribut des hl. Hieronymus, der mit einem Löwen zusammengelebt haben soll. (http://members.aon.at/veitschegger/texte/tiersymbole.htm)
http://www.symbolonline.de/index.php?title=L%C3%B6we
https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6we_(Wappentier)
https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/loewe/ch/51ea10888462ee02e8d4ae4924ba941d/
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:L%C3%B6we_in_der_Kunst (Löwe in der Kunst)
http://www.symbole-andreaskirche.de/lowensymbolik.html
http://www.uni-regensburg.de/Uni/Virtuell/Lektion8neu.pdf (Bildhaftes Sprechen)
(https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bildworte-bildreden-at/ch/a30723083da75fca491a34cb2ade46de/)

Sonntag, 28. August 2016

Brüder Grimm: Hans mein Igel

Hans mein Igel
Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte keine Kinder. Da ward er traurig und sprach: „Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein.“ Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: „Siehst du, du hast uns verwünscht!“ Da sprach der Mann: „Was kann das alles helfen, getauft muss der Junge werden; wir nennen ihn Hans mein Igel.“ Dann wurde hinter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht gemacht und Hans mein Igel darauf gelegt. So lebte er acht Jahre lang. Nun trug es sich zu, dass in der Stadt ein Markt war und der Bauer wollte dahin gehen, da fragte er alle, was er ihnen mitbringen sollte. Die Bäuerin wollte Fleisch und Brot bekommen. Hans aber sprach: „Väterchen, bringt mir doch einen Dudelsack mit.“ Der Bauer tat alles, was man ihm aufgetragen hatte.
Wie nun Hans mein Igel den Dudelsack hatte, sprach er: „Väterchen, geht doch zur Schmiede und lasst mir meinen Göckelhahn beschlagen, dann will ich fortreiten.“ Da war der Vater froh, dass er den missratenen Sohn loswerden sollte, und ließ ihm den Hahn beschlagen, und als er fertig war, setzte sich Hans mein Igel darauf und ritt fort; er nahm auch Schweine und Esel mit, die wollte er draußen im Walde hüten. Im Wald aber musste der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete die Esel und Schweine, bis die Herde ganz groß war. Wenn er aber auf dem Baum saß, blies er seinen Dudelsack und machte Musik, die war sehr schön. 
Einmal kam ein König vorbeigefahren, der hatte sich verirrt und hörte die Musik; da wunderte er sich darüber und schickte seinen Diener hin, er sollte sich einmal umgucken, wo die Musik herkäme. Der guckte sich um, sah aber nichts als ein kleines Tier auf dem Baum oben sitzen, das sah aus wie ein Göckelhahn, auf dem ein Igel saß, und machte die Musik. Der Diener fragte ihn nach dem Weg zurück ins Königreich; Hans sprach, er wollte ihnen den Weg zeigen, wenn der König versprechen wollte, was ihm zuerst begegnete am königlichen Hofe, wenn er nach Haus käme. Da dachte der König, das kannst du leicht tun, Hans mein Igel versteht’s doch nicht und du kannst schreiben, was du willst. Da schrieb der König etwas auf und Hans mein Igel zeigte ihm den Weg und er kam glücklich nach Hause. Seine Tochter lief ihm entgegen und küsste ihn. Er dachte an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm gegangen wäre und dass er einem wunderlichen Tier, das auf einem Hahn geritten und schöne Musik gemacht, hätte verschreiben müssen, was ihm daheim zuerst begegnen würde; er hätte aber geschrieben, es sollt’s nicht haben, denn Hans mein Igel könnt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nimmermehr hingegangen.
Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig, saß auf dem Baum und blies auf seinem Dudelsack. Nun geschah es, dass ein anderer König gefahren kam mit seinen Dienern und hatte sich verirrt und wusste nicht wieder nach Haus zu kommen, weil der Wald so groß war. Der hörte gleichfalls die schöne Musik von weitem und sprach zu einem Diener, er sollt’ einmal zusehen, woher es kommt. Da ging der Diener unter den Baum und sah den Göckelhahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Diener sagte, sie hätten sich verirrt und könnten nicht wieder ins Königreich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wollt’ ihm den Weg zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schloss als erstes begegnen würde. Der König sagte ja und unterschrieb die Abmachung. Als das geschehen war, ritt Hans auf dem Göckelhahn ein Stück voraus und zeigte ihm den Weg und er gelangte er glücklich wieder in sein Königreich. Wie er auf den Hof kam, fiel ihm seine einzige Tochter um den Hals und freute sich, dass ihr alter Vater wieder da war. Da erzählte er ihr, er wär’ beinahe gar nicht wieder gekommen, aber einer halb wie ein Igel, halb wie ein Mensch, habe auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und, schöne Musik gemacht, der hätte ihm fortgeholfen und den Weg gezeigt; dafür habe er ihm das versprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begegnete, und das wäre sie. Da versprach sie ihm aber, sie wollte gern mit Hans gehen, wenn er käme, ihrem Vater zu Liebe.
Hans mein Igel aber hütete seine Schweine, und die Schweine bekamen wieder Schweine und diese wieder und wurden so viele, dass der ganze Wald voll war. Da ging Hans mein Igel mit seinen Herden ins Dorf uns schenkte den Bauern die Schweine. Zu seinem Vater aber sagt er: „Väterchen, lasst mir meinen Göckelhahn noch einmal in der Schmiede beschlagen, dann reit’ ich fort und komm’ mein Lebtag nicht wieder.“ Da ließ der Vater den Göckelhahn beschlagen und war froh, daß Hans mein Igel nicht wiederkommen wollte.
Hans mein Igel ritt fort in das erste Königreich; da hatte der König befohlen, wenn einer käme auf einem Hahn geritten und hätte einen Dudelsack bei sich, dann sollten alle auf ihn schießen, damit er nicht ins Schloß käme. Aber Hans flog auf dem Hahn an des Königs Fenster, setzte sich da und rief ihm zu, er wollte ihn töten, wenn er nicht die Tochter bekäme. Da gab der König der Prinzessin gute Worte, schenkte ihr eine Kutsche und sie fuhr mit Hans fort. Aber als sie ein Stück Wegs von der Stadt entfernt waren, da zog Hans mein Igel seine Braut aus und stach sie mit seiner Igelhaut, bis sie ganz blutig war; er sagte: „Das ist der Lohn für eure Falschheit, geh’ weg, ich will dich nicht,“ und jagte sie damit nach Hause.
Hans mein Igel aber ritt weiter zu dem anderen Königreich. Der König dort aber hatte befohlen, wenn einer käm’ wie Hans mein Igel, sollten sie das Gewehr vor ihm präsentieren und ihn ins königliche Schloss bringen. Da wurde Hans mein Igel von der Prinzessin begrüßt, musste mit an die königliche Tafel gehen und sie setzte sich zu seiner Seite. Als sie am Abend schlafen gehen wollte, da fürchtete sie sich jedoch vor seinen Stacheln; er aber sprach, es geschäh’ ihr kein Leid. Zum König sagte er, man sollte eine Wache vors Zimmer stellen; wenn er seine Igelhaut ausgezogen habe, sollte man sie ins Feuer werfen. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging er in die Kammer und streifte die Igelhaut ab, und ließ sie vor dem Bett liegen, da kamen die Männer und holten sie geschwind und warfen sie ins Feuer, da war er erlöst und lag da im Bett ganz als ein schöner junger Herr. Wie das die Prinzessin sah, war sie froh; am anderen Morgen standen sie auf und es ward die Hochzeit gehalten; Hans mein Igel bekam den Thron und das Königreich von dem alten König.
Als etliche Jahre herum waren, fuhr er mit seiner Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn; der Vater aber sprach, er hätte einmal einen gehabt, der wär’ wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und weggegangen. Da gab er sich zu erkennen, und der alte Vater freute sich und ging mit ihm fort in sein Königreich.
(Nach der ersten Fassung der KHM, gekürzt und sprachlich leicht überarbeitet)

Donnerstag, 25. August 2016

Alain de Botton: Religion für Atheisten - Besprechung

Ein so seichtes Dahinplappern, wie Alain de Botton in seinem Buch „Religion für Atheisten“ (Fischer, 2013) von sich gibt, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.
Keine Religion sei „wahr“ im wörtlichen Sinn, aber es sei auch Atheisten möglich, Religionen „gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden“ (S. 12). Er wolle religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt übertragen. Denn Religionen seien dazu erfunden worden, ein harmonisches Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen und mit dem Lebensschmerz fertig zu werden. Kurz, er wolle „einiges von dem retten, was [in den Religionen] schön, anrührend und weise ist“ (S. 19). Schließlich habe auch das Christentum sich nicht geschaut, Heidnisches zu adaptieren und in sein Eigenes zu verwandeln.
Was er dann zur Erklärung sozialer Entfremdung sagt, ist einfach naiv (S. 25 f.); in der Kirche gebe es jedoch Gemeinschaft unter Fremden, und so will er ein Agape-Restaurant eröffnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Agape-Feiern im Christentum gescheitert sind und auf die sterile liturgische Messfeier reduziert wurden. Dann könnte man mit wildfremden Menschen ganz ehrlich über ihre Gefühle sprechen: „Was bereust du in deinem Leben“ oder Wovor fürchtest du dich?“ (S. 46) Dabei würde die Angst vor Fremden abgebaut, man komme sich nahe.
An der Stelle habe ich beschlossen, das Buch des Schwachmathicus de Botton nicht weiter zu lesen. Stattdessen empfehle ich, sich ernsthaft mit Säkularisierung zu befassen – ein großes Zeugnis der Säkularisierung ist Schillers „Don Carlos“.

Säkularisierung:
http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion
https://www.herder-korrespondenz.de/schlagwoerter/themen/s/saekularisierung (HK ist eine katholische Zeitschrift.)
http://universal_lexikon.deacademic.com/35152/S%C3%A4kularisierung
http://www.ezw-berlin.de/html/3_4128.php
https://docupedia.de/zg/Saekularisierungstheorie
http://www.zeit.de/thema/saekularisierung
http://www.schulz-hageleit.de/material/saekularisierung.html
 
Kritiken zum Buch:
http://www.zeit.de/2013/25/abraten-de-botton-religion-fuer-atheisten
http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169147/index.html
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Religion-Atheisten
http://scilogs.spektrum.de/hinter-gruende/religionen-intelligent-bestehlen-alain-de-bottons-religion-f-r-atheisten/
http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/religion-fuer-atheisten
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Orgien-fuer-Unglaeubige/story/27109495
https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/der-neue-atheismus-hat-verschiedene-facetten-vision-einer-religionsfreien-welt (Sammelbesprechung)
http://www.planet-interview.de/interviews/alain-de-botton/35782/ (Gespräch mit de Botton)
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/580032_Man-braucht-etwas-Groesseres.html (dito)
http://hpd.de/artikel/atheisten-sind-12906

Sonntag, 21. August 2016

Kempowski: Tadellöser & Wolff - Inhalt, Links


Der Roman besteht aus kleinen Episoden; in ihnen tauchen viele Redensarten der Rostocker Bürger auf. So ist z.B. „Tadellöser und Wolff“ eine Umschreibung für „tadellos“, semantisch falsch gesteigert zu „tadellöser“ und dann mit der Bezeichnung der Zigarrenfabrik „Loeser & Wolff“ verbunden zu „Tadellöser & Wolff“. Man kann den „Inhalt“ des Romans nicht nacherzählen, man kann nur eine kurze Übersicht über die Kapitel geben, wobei aufgrund des episodischen Erzählens die Auswahl der genannten Aspekte auch gut anders ausfallen könnte.

1) Umzug der Familie in Rostock, in der Nähe einer katholischen Kirche; man kann St. Jacobi sehen. Familie Kempowski

2) Nachbar Woldemann, dessen Tochter Ute; Hausbesitzer Krause

3) Rostock als Stadt

4) Mit Robert und Schwester Ulla im Kino; die Sonntagnachmittage; Schulfreund Manfred

5) Zur Schule an ausgebrannter Synagoge vorbei; in die Oberschule, bei Lehrer „Hannes“; Schule, Schüler, Lehrer

6) Dicker Krahl als Freund – Spielen bei ihm

7) Mit den Pimpfen auf Fahrt; Erlebnisse und Verletzung

8) Robert, der große Bruder, und seine Freunde; Musik; Ausflug mit Mädchen nach Warnemünde

9) Urlaub im Harz, andere Familien und Gäste; Ausflug

10) Der Krieg kommt in den Alltag, Woldemann ziehen nach Berlin; Vater meldet sich freiwillig als Soldat und wird nicht genommen (Mitglied in der Loge)

11) Großvater väterlicherseits stirbt, Begräbnis, Erbangelegenheiten (Schulden)

12) Walter wird krank (Scharlach); Weihnachten und Winter

13) 1941 – Krieg u.a.; Vater wird eingezogen; eines seiner Schiffe läuft auf eine Mine; verschiedene Bekannte sind gefallen. (Das Sterben geht dann so weiter...)

14) Klavierunterricht, Musikschule, Konzert

15) In der Hitlerjugend-Spielschar; WHW-Sammlung; Feier zu Weihnachten

16) Roberts Freunde bei Kempowski

17) Woldemann im April 1942 aus Berlin zurück; Spiele mit Ute; häufig Fliegeralarm; Ende April erster Angriff auf Rostock, die Folgen; Mutter will weg aus der Stadt.

18) Reisevorbereitung, Mutter fährt mit Walter ab; in Gartz empfängt der Vater sie, sie kommen im Gasthof unter; Fahrt zum Förster Schulz; von KH-Häftlingen darf man nicht sprechen; bei Pastor Vorndran; Heimfahrt nach Rostock, Unordnung und Verluste

19) Sörensen, ihr dänischer Praktikant, wird als Spion verhaftet und wieder freigelassen; seine Erfahrungen mit den Deutschen; er zieht bei Kempowski ein; die Fächer in der Schule; Sörensen kehrt aus Dänemark zurück: ein anderes Land, andere Leute

20) Erkundung der nicht zerstörten Marienkirche

21) Sörensen geht mit Ulla ins Kino, Vater auf Urlaub lamentiert; dann wird doch mit Sörensen geplaudert und gefeiert.

22) Nachhilfe bei „Tante Anna“ (= Frau Kröger); Hordenführer in der HJ (bei „Dienst“ fällt die Nachhilfe aus!); Frauenkränzchen zu Besuch bei Kempowski.

23) Konfirmandenunterricht, der Pfarrer, verschiedene Kirchen

24) Ulla studiert; Sörensens Sicht auf Deutschland; Walter bei Krahl; auf der Suche nach „Aufklärung“; Sörensen wirbt um Ulla, die lernt Dänisch; Weihnachten: Vorbereitungen, Predigt, Feier zu Hause ohne den Vater.

25) Hochzeit im Mai (1943): Vorbereitungen, Verwandte, Trauung – Onkel Richard ist ein strammer Nazi; Festessen, Abfahrt des Paars nach Kopenhagen.

26) Mit Uli Prütter in der Nachhilfe; Mutter hat Magengeschwür, Walter kommt bei Prütter unter, wo der Haushalt viel lockerer als bei Kempowski läuft; Ende der Nachhilfe.

27) Operation der Mutter gelungen, Walter fährt zu Opa de Bonsac nach Hamburg in die Ferien; allein mit dem Opa, Museumsbesuche, Verwandte in Hamburg; Einrichtung des Großvaters, Erinnerungen; Schura, das ukrainische Dienstmädchen; Nachangriff auf Hamburg, Abreise.

28) Walter drückt sich möglichst bei der HJ; ist mit Ulli zusammen, tut „männliche“ Sprüche; tritt lässig auf; Vater wird versetzt, ins Partisanengebiet.

29) Dreharbeiten für einen Film; dandyhaftes Auftreten, Walter ist 14 Jahre alt; die Jungen bauen viel Mist.

30) Sommer 1944: zu von Germitz aufs Land; Ferdinand und seine Familie; frühmorgens raus zum Rauchen; Walter erklärt die Sprüche der Stadt; Ferdinand fährt weg, Walter mit Greta unterwegs; Abend am Kamin; Heimfahrt.

31) Oktober: Urlaub des Vaters, der immer noch auf Beförderung wartet; sein Blick als Militär; Krasemann verhaftet, Robert eingezogen; Vater bietet Walter (15) eine Zigarette an; Pläne für die Zukunft; Erinnerungen; Rostock ist zerbombt; Nazi-Propaganda; Abfahrt des Vaters. – Ein Spruch aus Kap. 31: „Und wie kann man bloß ‚Merkel’ heißen.“

32) Walter zum Pflichtdienst im Herbst 1944: Altpapier usw. sammeln, Kartoffeln aufheben, Bucheckern sammeln; wegen seiner Eigenheiten wird Walter zur Linien-HJ versetzt; der neue Führer redet ihm gut zu; Walter schwärmt für Antje; Jungen überfallen ihn und wollen ihm seine langen Haare stutzen; Vorladung zum Bann; er soll sich die Haare schneiden lassen, statt herumzulungern; Mutter zahlt 50 Mark Strafe, er wird in der HJ degradiert.

33) Walter hat „Magengeschwüre“ – ist kerngesund; Greta von Germitz zu Besuch; im November wird er in die Pflichtgefolgschaft überwiesen (Strafe); an einem Sonntag Übungen, Schleifen, Schikanen; zum Sportpalast kommandiert, unter einem Vorwand entlassen; am Abend im Konzert: eine Labsal!

34) Leben im Krieg, Knappheit; Vorräte anlegen; Januar 1945 russische Offensive; Flüchtlingstrecks, Schule geschlossen; einzelne Flüchtlinge kommen ins Haus.

35) Am 17. Februar wird Walter eingezogen, Kurierdienste für Heinckel; Vorbereitungen für den Endkampf; Anfang März geht das Reisen für Heinckel los; Soldaten setzen sich nach Westen ab; eine fremde Frau im Haus; Großvater de Bonsac ist ausgebombt und kommt, er ist nicht mehr für Hitler; am 22. März ist Musterung [Problem mit der Chronologie: für die vielen Reisen war nicht genug Zeit!], er wird als Sohn von „Körling“ (Spitzname des Vaters) zurückgestellt.

36) Mitte April soll er Medikamente in Berlin holen, dort geht er ins Kino; russische Artillerie beschießt die Stadt, es fährt kein Zug mehr; Walter schlägt sich nach Rostock durch, ist am 25.  April zurück.

37) Drei Tage zu Hause; seine Kuriereinheit ist aufgelöst; am 29. April kommen andere Jungen zum Volkssturm; Mutter schlägt die Möglichkeit einer Flucht per Schiff aus; Krause geht weg, auch die dienstverpflichteten Franzosen; flüchtende Soldaten am 30. April; am 1. Mai gibt es bei Kempowski Sekt, auf den gewonnenen Krieg; man spricht von Übergabeverhandlungen; die ersten Russen kommen.















https://www.youtube.com/watch?v=evBSfog5djA (Film) Inzwischen gibt es auch ein Theaterstück dazu.





http://www.zeit.de/online/2007/41/kempowski (Würdigung, zu seinem Tod)





http://www.kempowski.info/kempowski04.htm (Übersicht: Die deutsche Chronik)