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Montag, 10. Juli 2017

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

Seit der 4. Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1840) steht das folgende Märchen darin (in der Rechtschreibung der damaligen Zeit):

Die Boten des Todes.
Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen, und rief „halt! keinen Schritt weiter!“ „Was,“ sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?“ „Ich bin der Tod,“ erwiderte der andere, „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.“ Der Riese aber weigerte sich, und fieng an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand, und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese gieng seiner Wege, und der Tod lag da besiegt, und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden,“ sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf Erden, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben neben einander zu stehen.“ Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied, und warf seine Augen hin und her. Als er den halbohnmächtigen erblickte, gieng er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein, und wartete bis er wieder zu Kräften kam. „Weist du auch,“ fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?“ „Nein,“ antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht.“ „Ich bin der Tod,“ sprach er, „ich verschone niemand, und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will bevor ich komme und dich abhole.“ „Wohlan,“ sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin,“ zog weiter, war lustig und guter Dinge, und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht,“ sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten, ich wollte nur die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber.“ Sobald er sich gesund fühlte, fieng er wider an in Freuden zu leben. Da klopfte ihn eines Tags jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, stand der Tod hinter ihm, und sprach „folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“ „Wie,“ antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen daß du mir bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen.“ „Schweig,“ erwiederte der Tod, „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dirs nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dirs nicht dunkel vor den Augen? Ueber das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ Der Mensch wußte nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick, und gieng mit dem Tode fort.

Die Anmerkungen der Brüder Grimm dazu:

Die Boten des Todes.
Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.
Die Anmerkungen von Bolte-Polivka dazu:

Meine Anmerkungen dazu:

Die Pointe des Märchen liegt im Begriff „die Boten des Todes“. Der ehemalige junge und später alte Mensch versteht ihn wörtlich: Boten als Leute, die anklopfen, sich ausweisen und mündlich oder schriftlich ihre Botschaft ausrichten. Der Tod jedoch versteht „die Boten“ metaphorisch; er nennt, als er sich rechtfertigt, „Krankheiten und Schmerzen“ seine Boten, die er dann als Fieber, Schwindel, Gicht usw. einzeln benennt. Dazu verweist er auf seinen leiblichen Bruder, den Schlaf, der einen jeden Abend an den Tod erinnere, weil man dann so liege, „ als wärst du schon gestorben“. Diese Argumentation erkennt der alte Mann an, auf dass auch der Leser sie anerkenne.
Eine alte Sentenz ist es, dass der Schlaf der Bruder des Todes ist:

Donnerstag, 6. Juli 2017

Heinrich Heines Entwicklung als Dichter

Die Biographie von Heines Dichtung zerfällt nach Laura Hofrichter grob in drei Epochen: die frühe Zeit der romantischen Lieder (bloßes Spiel der subjektiven Phantasie, in traditioneller Fom), abgelöst durch die Zeit der „Reisebilder“ (v.a. ab „Die Harzreise“, 1824), in denen Heine sich in Prosa der Welt zuwandte, ohne seine Subjektivität aufzugeben, und die späte Phase ab 1840, in der er eine neue Form der Poesie erfand, der seine bedeutenden Gedichte angehören und in der Bild und Begriff einander entsprechen. Oft sei hier irgendeine Form von Reise, Fahrt, Prozession u.ä. das Strukturmittel, welches die verschiedenartigsten Themen zusammenhalte – so gelinge es ihm, lyrisch zu bleiben, „der Zwangsjacke der Handlung zu entkommen […] und sich gleichzeitig den Zugang in die Weite der Welt offenzuhalten“.
Laura Hofrichter (1919-1962), von der man heute nur noch ein Heine-Buch im Internet findet, hat mit „Heinrich Heine. Biographie seiner Dichtung“ (1966, Kleine Vandenhoeck-Reihe 230) ein sympathisches Buch geschrieben, das sich leicht liest und Lust macht, Heine selber zu lesen. Die Kleine Vandenhoeck-Reihe war in den 50er bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts eine intellektuell bedeutende Taschenbuch-Reihe, die bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen angesiedelt und einem weltoffenen Protestantismus verpflichtet war – eigentlich eher einem evangelischen Christentum (mit Platz auch für Adorno, Hans Jonas und Karl Löwith) als einem Protestantismus, der sich ja per definitionem gegen etwas richtet.
Ich habe das Buch wohl 1975/76 zur Vorbereitung meiner Erweiterungsprüfung in Deutsch gekauft, weil auch Heine als Düsseldorfer und damit Rheinländer neben Heinrich Böll (und Franz Kafka) zu meinen Prüfungsautoren gehörte. Damals habe ich es nicht gelesen; dieser Tage sah ich das nach mehreren Umzügen leicht angestoßene Buch im Regal, wollte es schon fortwerfen und habe mich dann doch entschlossen, es zu lesen. Das habe ich nicht bereut. Ich werde mit der Lektüre der „Harzreise“ fortfahren.
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine (Heinrich Heine)
https://www.deutsche-biographie.de/sfz68461.html#ndbcontent (Heine – Leben)
http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich (Heine - Werke)
http://gutenberg.spiegel.de/autor/heinrich-heine-257 (dito)
https://de.wikisource.org/wiki/Heinrich_Heine (dito)
https://de.wikipedia.org/wiki/Reisebericht (Reisebericht, Reiseliteratur)
http://universal_lexikon.deacademic.com/291051/Reiseliteratur (dito)
Laura Hofrichter, 1919 in Prag geboren, studierte ab 1948 in Toronto moderne Sprachen und promovierte 1954 über „Heinrich Heines Entwicklung als Dichter“; sie verstarb im Herbst 1962. Requiescat in pace.

Montag, 3. Juli 2017

Joanna Bator: Wolkenfern (2013) - gelesen

Es ist ein zauberhaftes Buch: von Dominika, die man schon aus „Sandberg“ kennt, von ihrem Geschick nach einem schweren Autounfall und vor allem von ihrer Reiselust – sie ist im Aufbruch, sie plant ihre Zukunft nicht, sie lebt im Augenblick und auch in der Vergangenheit. Dazu treffen wir auf ihre Mutter Jadzia, eine typische Frau und Polin, die sich am Ende von sich selbst befreien kann, und auf viele andere, meistens Frauen: in einem bewegten Reigen, in dem auch Napoleons Nachttopf als Vermächtnis von einer Figur zur nächsten wandert, um am Ende in einem Zeitschriftenaufsatz gewürdigt zu werden. Vieles ist surreal erzählt, wie die Geschichte von der großen Sintflut, in die Jadzia mit ihrer Reisegruppe in einem Auto fortgeschwemmt wird, um am Ende als eben die geläuterte daraus wieder aufzutauchen… Ich glaube, Dominika ist eine moderne Schwester des Taugenichts, nur dass die Umwelt Dominikas (v.a. polnische Frauen und ein spaßeshalber angetrauter  amerikanischer Chocolatier, welcher ein Homodingsbums ist)  teils als Kontrastprogramm, teils als Seelenverwandte (Sara mit dem fetten Arsch) viel stärker als beim Taugenichts ausgebaut ist.
Es sind in diesem Roman die Frauen, die das Leben im Guten wie im Schlechten (das ist hier das Philiströse) bestimmen. Man kann den Inhalt eigentlich nicht erzählen, und er ist auch irgendwie nicht so wichtig – wichtig ist die Leichtigkeit des Seins, in die man im Lesen hineingleitet, auch wenn man (in meinem Fall: ich, hier verallgemeinert) die Beziehungen der Figuren nicht immer durchschaut oder wieder vergisst. Man liest voller Sympathie mit Dominka und Grazynka, von der erzählt wird, sie sei schließlich mit einem Japaner liiert und als Geisha gekleidet gesehen worden. Und der Zustand des Glücks auf der griechischen Insel, er ist ein Moment und wird nicht bleiben.
Ich scheue mich nicht zu sagen: Das ist Weltliteratur.


Bators erster Roman „Sandberg war auch eine Wucht: https://norberto42.wordpress.com/2015/02/06/joanna-bator-sandberg-besprechung/, der dritte „Dunkel, fast Nacht“ erreicht nicht ganz das Niveau der beiden ersten Bücher, finde ich: https://norberto42.wordpress.com/2017/04/23/j-bator-dunkel-fast-nacht-2016-besprechung/.

Sonntag, 25. Juni 2017

P. von Matt: ... fertig ist das Angesicht (1983) - gelesen

Ich möchte kurz über ein bedeutendes Buch sprechen, dessen Lektüre ich leider unterbrochen hatte. Von Matts Buch zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts ist in verschiedenen Verlagen erschienen, mir liegt die Ausgabe als Suhrkamp Taschenbuch von 1989 vor.
Peter von Matt geht von Kafkas Beschreibungen von Gesichtern aus; er zitiert die Texte aus Kafkas Tagebüchern und untersucht sie dann höchst raffiniert und genau. Von Goethe sind die Beschreibungen seiner Schwester Cornelia und seiner Freundin Friederike eindrucksvoll analysiert. Lavaters Versuch einer physiognomischen Theorie wird als leer entlarvt. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert blühte eine Art der Gesichtsbeschreibung, die naiv ihr eigenes Weltbild in den Gesichtern wiedererkannte. Über „Möglichkeiten und Grenzen der Symbolisierung“ geht es in einem Exkurs „Zur Psychoanalyse der Gesichtserfahrung“ (S. 150 ff.). Die Beispiele von Musils und Rilkes Porträtierungen sind eindrucksvoll, noch eindrucksvoller ist ein kleiner Text Heinrich Manns über Hitler: „Es muß ein herrliches Gefühl sein, wenn schon um acht Uhr früh sämtliche Militärkapellen die schönst Musik anheben, weil ich um ein Uhr reden will. Ein Anderer würde darüber den Faden verlieren, anders ich. Denn ich habe keinen zu verlieren. Ich mache einfach mein Führergesicht, es ist bösartig, hat aber auch wieder etwas Ulkiges, das entwaffnet. […] Ich rühme mich einer Anordnung meiner Haare, wie nur verkrachte Malermeister sie fertig bringen, lockere Strähnen in die Stirn, und auf dem Gipfel des Hauptes eine Fülle. Es muß etwas daran sein. Menschen der Macht, die nichts weiter sind, haben Kahlköpfe. Ich bin ein Genie.“ (S. 184 f.)
Klug ist auch, wie von Matt die Schwierigkeiten, ein Gesicht zu beschreiben, in die Zeitgeschichte einordnet und wie er die Krise der Gesichtsbeschreibung herausarbeitet. Für mich war dann aufschlussreich, was der Autor über „Das Gesicht im Erzähltext“ (S. 221 ff.) zu sagen weiß: „Im fest gegebenen, erkennbaren, benennbaren Gesicht vergewissere ich mich immer auch meiner eigenen Identität als des naturhaften Widerspiels zur entgegenkommenden andern. Daraus entspringt jene Sicherheit, die mit der Empfindung zusammenfällt, ich sei zu Hause. Wo nämlich das Gesicht feststeht, ist Heimat.“ (S. 254 f.) Und bedeutsam ist auch, was er über „Lesen als Zuhausesein“ (S. 257 ff.) sagt – aber das sollte man selber lesen.
Das Buch von Matts, das erste in seiner Reihe thematischer Literaturuntersuchungen, ist es wert, dass man es zweimal liest.

Montag, 1. Mai 2017

Auster oder Bohrer - zwei Autoren des Jahres 2017



Paul Austers Roman „4 3 2 1“ wurde mir kürzlich geschenkt, ganz ohne Anlass, ich habe mich sehr darüber gefreut und bald zu lesen begonnen; das Buch über die vier möglichen Leben Archie Fergusons liest sich leicht – aber auf die Dauer konnte ich es nicht ertragen: immer die gleichen pubertären und familiären Probleme, dazu unendlich breite Passagen über das Baseballspielen, ganz kurz angetippte Namen amerikanischer Filme, Musiken, Namen von Büchern und Organisationen (die ich teilweise nicht kenne). Ich bin bis S. 468 gekommen, dann war es wirklich gut; ich habe noch einmal auf S. 826 mit dem Lesen begonnen, aber nach 12 Seiten ging es nicht mehr: alles wie gehabt, nur hieß das Mädchen jetzt anders. Das alles berührt mich nicht, die Namen amerikanischer Politiker wie Kennedy und Ford berühren mich heute nicht (mehr).
Ganz anders Karl Heinz Bohrers Buch „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“, ebenfalls 2017: eine Autobiografie, ein faszinierendes Buch, dessen erstes Kapitel ich inzwischen gelesen habe. Da geht es um Fragen, die Bohrer in seinem ersten Buch („Die gefährdete Phantasie“) bedacht hat, dass nämlich in Literatur und Wirklichkeit die Phantasie ihr Recht hat, wobei allerdings die marxistische Utopie als doktrinärer Totalitarismus nicht gemeint sein kann… Es ist ein Buch, in dessen Themen ich mich bewegt habe, wenn auch anders als Bohrer - er ist knapp zehn Jahre älter als ich; aber er lebte in meinem Land und in meiner Sprache, und er schreibt in diesem Buch von seinem Leben und Denken als Erwachsener, nicht von den Nöten des Erwachsenwerdens im puritanischen Amerika.

P.S. Inzwischen habe ich Bohrers „Jetzt“, eine halbe Autobiografie, mit Freude zu Ende gelesen, bis S. 542. Es ist vermutlich ein Buch vor allem für ältere Menschen, die höchstens 20 Jahre jünger als Karl Heinz Bohrer sind; denn sie kennen noch die meisten Akteure des Buches, etwa Habermas, den Freund und kritischen Gesprächspartner Bohrers, oder haben wenigstens Interesse daran, unbekannte Namen nachzuschlagen. Wer aber wie meine Kinder erst mit der Jahrtausendwende begonnen hat, die Welt bewusst wahrzunehmen, für den ist zu vieles aus Bohrers Erinnerungen bloße Vergangenheit.
Was hat mich am Buch fasziniert? Es ist Bohrers Skepsis gegen den Primat der Begriffe, sein Plädoyer für Wahrnehmung des Gegebenen, der Reiz des Fremden, die Sympathie für die Unangepassten, die Ablehnung der gedankenlosen politischen Korrektheit, die Sympathie für ein nationales Selbstbewusstsein, das Deutschland nicht auf das Dritte Reich, dessen Vergehen und das dadurch begründete Schuldbewusstsein reduziert… Das alles wird immer wieder mit den Befunden der Bedeutung des Jetzt, des Augenblicks, des jederzeit möglichen Ereignisses, der Bedeutung des Fremden begründet. Von persönlichen Bindungen Bohrers werden die intellektuell bedeutsamen genannt, wozu seine zweite Frau Undine Gruenter und seine dritte Frau Angela (geb. von der Schulenburg) gehören.
Einige Längen gab es im 7. Kapitel (wegen der gelehrten historischen Einzelheiten) und auch im 8., weil Angelas englische Freunde mich wirklich nicht interessierten. Im kurzen Schlusskapitel wird der betagte Autor ein wenig nostalgisch, als er das Verschwinden der ihm bekannten Fremdheit von Paris und London beklagt. Ob man seine Aversion gegen den kulturell fremden Islam und dessen angeblich primitive Theologie und seine Einschätzung des Internets teilt, ist eine andere Frage – sie ist aber bedenkenswert im Hinblick auf Merkels unpolitische (und politisch nicht legitimierte) Entscheidung, über eine Million Fremde ins Land zu lassen. Zum Schluss werden auch der Brexit (ausführlicher – Bohrer lebt in London) und Trumps Auftreten (kurz) behandelt, aber das sind nur kleine Schlenker in einem großen Gedankengang.
 
Auster:
Bohrer:

Sonntag, 23. April 2017

J. Bator: Dunkel, fast Nacht (2016) - Besprechung




Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2016
Endlich wieder ein großer Roman, dessen 500 Seiten man mühelos bewältigt – nur beim ersten Kapitel habe ich mich schwer getan. Die Ich-Erzählerin Alicja Tabor, Reporterin einer großen polnischen Zeitung, fährt im Herbst nach 20 Jahren wieder in ihre Heimatstadt Walbrzych, wo drei Kinder verschwunden sind. Darüber will sie eine Reportage schreiben, doch sie wird in das dunkle Geschehen einbezogen, entdeckt schließlich eines der entführten Kinder und jagt als gute Läuferin den Mittäter Jerry Swan über 15 Kilometer, was dieser dann nicht überlebt.
Doch ehe es so weit ist, erfährt Alicja und mit ihr der Leser viele Geschichten, in denen die Vergangenheit Walbrzychs lebt – zunächst die Vergangenheit Ewas, der „großen“ Schwester Alicjas, und die der Familie Tabor: Ewa hat Alicja vor der schrecklichen Mutter beschützt und mit 16 Jahren Selbstmord begangen. In diesen Geschichten findet Alicja dann zu sich selbst, sie verändert sich im Lauf des Geschehens, wozu auch die Liebesbegegnung mit Marcin beiträgt. Man kann die teilweise verwirrend verflochtenen Erzählstränge nur schwer entwirren; ich begnüge mich damit, verschiedene Dimensionen des Romans zu benennen:
    • Alicja erfährt Ewas Geschichte und die ihrer bösen Mutter, die als Kind von Russen 1945 vergewaltigt wurde, und begegnet so sich selbst. Die Liebesbegegnung mit Marcin wird erst durch Alicjas Wandlung möglich.
    • Es ist ein Roman, in dem die Verhängnisse der Familiengeschichten deutlich werden, aus denen sich aber einzelne befreien können, etwas Alicja und Marcin; später löst sich auch Marek von seiner dominanten Mutter, die hinter den Entführungen steht, und der vermeintlich entführte Junge hat eine deutsche Pflegefamilie gefunden, die Entführung war nur von seiner kranken Oma vorgetäuscht.
    • Das erzählte Geschehen hat eine mythische Dimension, in der die Katzenfresser von den Katzenfrauen und ihren Verbündeten bekämpft und besiegt werden; diese Dimension ist einerseits geheimnisvoll, anderseits wird von ihr nicht ohne Ironie erzählt (die Aufzählungen der Namen aller Katzenfrauen z.B.). Eine getötete und enthäutete Katze stellt die Verbindung zur Detektivgeschichte her.
    • Die Suche nach den entführten Kindern bringt Elemente der Detektivgeschichte zur Geltung; dazu gehören dann auch geheimnisvolle Anrufe oder Nachrichten im Internet. Am Schluss erzählen die Protagonisten verschiedene Geschichten, wodurch die beiden Verbrechen aufgeklärt werden, wenn auch ein Kind nicht gerettet wird. Die Geheimnisse um Schloss Fürstenstein und den verlorenen Schatz gehören ebenfalls hierhin.
    • Es ist ein polnischer Roman, in dem es neben dem Katholizismus samt Reliquiengeschäft und volksverdummender Madonnenverehrung auch noch die deutsche Vergangenheit des Krieges und der Vertreibung der Schlesier untergründig weiterwirkend gibt.
    • Stichwort Internet: In drei Protokollen über das, was die Leute anlässlich der Entführungen und des Plans, eine großen Marienstatue zu errichten, im Chat alles von sich geben, zeigt sich die (nicht nur) polnische Volksseele als wahrer Hexenkessel – die Protokolle weisen bereits satirische Züge auf, finde ich. Die polnische Volksseele unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der deutschen, man sollte diesbezüglich kein Illusionen hegen.
      Alles habe ich bei der ersten Lektüre nicht verstanden, z.B. wie Dawid, Ewas ehemalige große Liebe, entschwindet und schließlich zu Tode kommt, aber das trübt den Gesamteindruck nicht: Die Lektüre war ein großes Leseerlebnis. Vergleiche auch
      http://literaturkritik.de/id/22144 (die umfassendste Rezension)

      Montag, 17. April 2017

      G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas, 2016 - gelesen


      Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2016.
      Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).
      Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben.“ Mit diesem Auszug aus der großartigen Besprechung Norbert Mecklenburgs (http://literaturkritik.de/vermes-vom-jesus-der-geschichte-zum-christus-des-dogmas-von-der-theozentrik-zur-christozentrik,22944.html), aufgrund deren ich das Werk gekauft und gelesen habe, möchte ich ein Buch des inzwischen verstorbenen jüdischen Gelehrten Geza Vermes vorstellen.
      Vermes war mit seinen Eltern zum Katholizismus konvertiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum katholischen Priester geweiht, heiratete und wandte sich wieder vom Christentum ab. Er hat sich wiederholt mit der Gestalt Jesu beschäftigt; in diesem Alterswerk zeigt er auf, wie aus dem jüdischen charismatischen Wanderprediger Jesus, der die baldige Ankunft des Gottesreiches verkündete, im Denken der Heidenchristen der wesenhaft göttliche Christus wurde – und wie sich die Gemeinde seiner Anhänger zur Institution Kirche veränderte, einer Institution, die Jesus weder vorhergesehen noch gewollt habe.
      Was Vermes schreibt, ist für Historiker nicht wesentlich neu; erfrischend ist jedoch seine Klarheit, seine Sympathie für den jüdischen Jesus, der uns in der Didache und bei den Synoptikern begegnet, und seine Distanz, aus der er die Sprünge des christologischen Denkens beschreibt. Wenn man wie ich die harmonisierenden Deutungen der „christlichen“ (v.a. der katholischen) Theologen genossen hat, welche eine ehrliche historische Lektüre der alten Schriften verbauen, weiß man Vermes‘ Offenheit und seine kleinen Bosheiten zu schätzen: „Im Denken des Arius ist, was in der Theologie vielleicht nicht wirklich wünschenswert ist, nichts unklar, und nichts bleibt bei ihm ungesagt.“ (S. 313) Neu war für mich das erste Kapitel „Charismatisches Judentum von Moses bis Jesus“; wenn man dieses Judentum und seine Gestalten kennt, fällt es nicht schwer, Jesus als eine dieser Gestalten zu begreifen. Dass es jedoch zu einer Reformation der christlichen Kirchen als Hinwendung zur reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, kommen könnte, wie Vermes hofft (S. 333), halte ich für unwahrscheinlich; denn den eschatologischen Horizont unserer Zeit macht nicht das kommende Gottesreich aus, sondern die Klimakatastrophe, Kriege, weltweite Hungersnöte und ähnliche Szenarien. Gleichwohl hat Vermes ein gutes Buch geschrieben.
      http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/geza-vermes-a-child-of-his-time-8875881.html (dito)
      und zum Schluss ein Witz: https://also42.wordpress.com/2015/03/30/ein-abgrundiger-witz/

      Christian Hoppe startet eine ähnliche Interpretation des Christentums auf der Grundlage naturwissenschaftlichen Denkens, siehe den Beitrag http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss-ii/ (und evtl. http://scilogs.spektrum.de/wirklichkeit/ostergruss/). 

      Sonntag, 12. März 2017

      R. Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen...


      Ehe ich in die Rezensionen schaue, möchte ich meine eigenen Eindrücke von Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (Fischer, 2016) festhalten.
      Das Buch liest sich zügig, was auch daran liegt, dass pro Seite nur 27 Zeilen gesetzt sind, aber ich frage mich am Ende: Was soll das alles? Es geht um einen Wolf sowie zwei Pärchen nebst einigen Leuten, die mit ihnen zu tun haben: Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, laufen von zu Hause weg, weil Elisabeths Mutter sie in ihrer Wut ins Gesicht geschlagen hat; sie laufen aufs Geratewohl, fahren auf einem Güterzug und schlagen sich nach Berlin durch. Sie werden von Elisabeths Vater, einem Künstler, und ihrer geschiedenen Mutter sowie von Michas Vater, einem Alkoholiker gesucht. Das zweite Pärchen bilden Agnieszka, eine Polin, die in Berlin putzt, und Tomasz, der als Bauarbeiter in Berlin arbeitet; Tomasz ist auf der Fahrt nach Berlin im Schneesturm stecken geblieben, hat einen Wolf gesehen und fotografiert – das Bild hat Agnieszka dann einer Journalistin verkauft, die es veröffentlicht hat, was eine große Suche nach dem Wolf auslöst. Außerdem ist Agnieszka von einem anderen Mann schwanger, was zu Problemen führt – die Vorgeschichte Agnieszkas wird nur kurz und kaum als solche kenntlich nachgetragen. Alle fünf, vom Wolf über Micha bis Tomasz, wohnen in Berlin oder streben nach Berlin und ziehen die Sucher auch mit nach Berlin.
      Dann tauchen noch eine Reihe weitere Figuren auf, die alle unwahrscheinlich hilfsbereit sind und die beiden Kinder Elisabeth und Micha einladen, bei ihnen zu übernachten; das muss wohl an Berlin liegen – ich käme nicht auf die Idee, wildfremde Jugendliche einzuladen, bei mir zu übernachten, aber das ist in Berlin kein Problem. Jedenfalls finden die beiden Pärchen zum Schluss irgendwie wieder zusammen; Micha hat zufällig (!) in Berlin auch seinen sturzbetrunkenen Vater gefunden, der gerade aus einer Kneipe geworfen wurde, aber das kann ihn nicht aufhalten. Ach ja, eine weitere wichtige Figur ist das Gewehr eines Jägers, der vermutlich einen Herzinfarkt bekommen hat und gestorben ist; das Gewehr wandert mit Micha ebenfalls nach Berlin, dann findet Tomasz es irgendwie, und im Kampf mit Agnieszka um das Gewehr löst sich ein Schuss, der Tomasz am Kopf streift, worauf man ins Krankenhaus fährt, und so geht das weiter, bis es zum Schluss aufhört.
      Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens – alle Szenen sind hart geschnitten – ist undeutlich; die Figuren bleiben oberflächlich, allesamt Pappkameraden ohne jede seelische oder charakterliche Tiefe und ohne Geschichte, auch wenn gelegentlich biografische Daten der Vergangenheit einfließen; manche Leute haben auch keinen Namen, sondern sind so etwas wie „der Vater des (geflohenen) Jungen“ und Ähnliches.
      Das Buch ist Roland Schimmelpfennigs erster Roman, hoffentlich auch sein letzter. Man hat nichts verpasst, wenn man ihn nicht liest; höchstens freuen sich Berliner bei der Lektüre, weil so viele Straßen und Plätze Berlins genannt werden, die einem Fremden bloße Namen bleiben. Ich habe den Roman gestern gelesen - insgesamt ist er wie viel modernes Zeug nur zeilenfüllender Mist; man liest besser die Klassiker, die das Aussieben durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben.
      Dem http://derstandard.at/2000033040176/Offene-Buecher-und-Gesellschaft entnehme ich, dass der Roman es auf die shortlist (zu Deutsch: Liste der engeren Auswahl) der Leipziger Buchmesse 2016 geschafft hat. Die einzige Besprechung, die ich gefunden habe, steht in einem Blog: https://masuko13.wordpress.com/2016/03/02/roland-schimmelpfennig-an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts/. Und bei einer Buchhandlung gibt es eine Besprechung/Empfehlung des Lesers Felix Palent: http://www.wist-derliteraturladen.de/tag/felix-palent/, der aber offenbar ein anderes Buch als ich gelesen hat. Alle großen Zeitungen nehmen den Roman nicht zur Kenntnis.

      Montag, 20. Februar 2017

      Andersen: Des Kaisers neue Kleider


      Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel von neuen Kleidern hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht ums Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er sei im Rat, so sagte man dort immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!”

      In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie den schönsten Stoff, den man sich denken könne, zu weben verstünden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Stoff genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

      ,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

      Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhl. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

      ,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!’ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei. ,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, ,er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner übt sein Amt besser aus als er!’

      Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!’ dachte der alte Minister und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!’ Aber das sagte er nicht.

      Beide Betrüger baten ihn, näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott’, dachte er, ‚sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht für mein Amt taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!’

      „Nun, Sie sagen nichts dazu?” fragte der eine von den Webern. „Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!” antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! - Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!” „Nun, das freut uns!” sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister passte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurück komme, und das tat er auch.

      Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, und sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.
      Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte - weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen. „Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Stoff?” fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

      ,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!” sagte er zum Kaiser. Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

      Nun wollte der Kaiser selbst ihn sehen, während er noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

      „Ja, ist das nicht prächtig?” sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?” und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

      ,Was!’ dachte der Kaiser; ‚ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.’ „Oh, es ist sehr hübsch”, sagte er, „es hat meinen allerhöchsten Beifall!” und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, schaute und schaute, aber es bekam nicht mehr heraus als alle andern; doch sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!” und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

      „Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!” ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.
      Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichter angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Seht, nun sind die Kleider fertig!”

      Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Beamten selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist der Rock, hier ist der Mantel!” und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!” „Ja!” sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

      „Belieben Eure Kaiserliche Majestät, Ihre Kleider abzulegen”, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!”

      Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzögen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

      „Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!” sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!” ­

      „Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!” meldete der Oberzeremonienmeister.

      „Seht, ich bin fertig!” sagte der Kaiser. „Sitzt nicht alles gut?” und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte so aussehen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

      Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten nicht, es sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

      So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleid hat! Wie schön sie sitzt!” Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Noch nie hatten Kleider des Kaisers solche Anerkennung gefunden wie diese.

      „Aber er hat ja gar nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!” sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

      „Aber er hat ja gar nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich durchhalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen eine Schleppe, die gar nicht da war.


      (Text nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114, sprachlich von mir überarbeitet)


      Die erste Pointe steht hier:

      ,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; ,wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

      Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

      Es folgt als zweite Pointe:

      Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

      Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

      Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:
      ,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.
      Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit und redet ihnen ihr Geschwätz nach.
      Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.
       

      Donnerstag, 9. Februar 2017

      Hermann Ungar: Die Verstümmelten (1923)


      Franz Polzer ist Beamter einer Bank, das ist in der Literatur kein gutes Omen. Er ist ein zerbrochener Mensch, zerbrochen von seinem alleinerziehenden harten Vater. Durch Vermittlung eines Bekannten hat er nach abgebrochenem Studium eine Stelle in einer Bank bekommen und sie 16 Jahre mit der Zuverlässigkeit eines Automaten ausgefüllt, wie auch sein freudloses Leben in immer der gleichen Routine abläuft. Neben ihm spielen sein Jugendfreund Karl Fanta, seine Vermieterin, die Witwe Klara Porges, einige Kollegen der Bank, ein Pfleger des später erkrankten Fanta und dessen Ehefrau sowie ein Arzt eine Rolle.
      Seine Vermieterin macht sich also an Franz heran, was ihm äußerst unangenehm ist, und wird schwanger – vermutlich von ihm, vielleicht auch nicht; der Arzt protegiert ihn und stattet ihn neu aus, worauf er befördert wird – womit er aber nicht zurecht kommt. Der Pfleger, ein ehemaliger Metzger, ist ein religiöser Spinner, und als Frau Porges das Schutzheiligenbild des hl. Franz verbrennt, ist die Ordnung in Franz Polzers Leben endgültig zerbrochen. Die Frauen sind allesamt Weiber, die Männer Mistkerle – Verdächtigungen, Intrigen, Ängste verwirren das Leben der Menschen, zerstören ihre Beziehungen, und am Ende ist Frau Porges geköpft, vermutlich von Franz: eine schauerliche Parabel einer sinnlosen Welt.

      Die Erzählung weist nicht nur viele Wiederholungen, sondern auch einige Brüche auf: So ist zum Beispiel der ehemalige Jugendfreund Fanta plötzlich todkrank, und wie die arme, sexuell übergriffige Wirtin Klara plötzlich von Geldgier getrieben, und zwar erfolgreich getrieben wird, bleibt unklar. Der Roman hätte also wohl noch einmal überarbeitet werden müssen – das Niveau Kafkas hat er trotz des verwandten Vater-Sohn-Konflikts nicht (ganz) erreicht.
      Katja Petrowskaja hat die Leser der SZ in einer kurzen Empfehlung auf diesen Roman hingewiesen. Man kann das Buch in zwei Stunden im Netz lesen:
      http://freilesen.de/Hermann_Ungar_Die-Verstuemmelten_1,2940,1.pdf (die letzte Ziffer fortlaufend bis Kap. 17 verändern)
      (alle mit den gleichen Fehlern, also z.B. gelegentlich „Poker“ statt „Polzer“)
      Leider ist der Roman im Netzwerk tredition (noch) nicht greifbar: https://tredition.de/autoren/autoren-uebersicht/

      Über Hermann Ungar: http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/UngarHermann